Konfraternität Sankt Petrus Katechese über den hl. Petrus von Papst Benedikt XVI.

Thronfest des hl. Apostels Petrus (22. Februar 2006)

Petrus, der Fischer (17. Mai 2006)

Petrus, der Apostel (24. Mai 2006)

Petrus, der Fels (7. Juni 2006)

Die Gefangennahme und Befreiung des Heiligen Petrus (9. Mai 2012)

Thronfest des hl. Apostels Petrus

Generalaudienz, Mittwoch, 22. Februar 2006

Liebe Freunde,

meinen herzlichen Willkommensgruß richte ich an euch alle, die ihr euch hier in der Basilika St. Peter versammelt habt, deren Apsis am heutigen Fest der Kathedra des Apostels Petrus besonders schön geschmückt und beleuchtet ist. Vor allem grüße ich euch, liebe Schüler und Lehrer des »Collegio San Francesco« aus Lodi, die ihr den 400. Jahrestag eurer von den Barnabiten gegründeten Schule feiert, sowie euch, liebe Schüler und Lehrer des Instituts »Maria Immacolata« in Rom.

Das heutige Fest lädt uns ein, auf die Kathedra des hl. Petrus zu blicken, und spornt uns an, unser persönliches und gemeinschaftliches Leben mit dem Glauben zu nähren, der auf dem Zeugnis Petri und der anderen Apostel gründet. Wenn ihr ihrem Beispiel folgt, könnt auch ihr, liebe Freunde, Zeugen Christi in Kirche und Welt sein.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Die lateinische Liturgie feiert heute das Fest Kathedra Petri. Es handelt sich dabei um eine sehr alte, seit dem 4. Jahrhundert in Rom bezeugte Tradition, mit der Gott für die Sendung, die dem Apostel Petrus und seinen Nachfolgern anvertraut wurde, gedankt wird. Die »Kathedra« ist in der ursprünglichen Wortbedeutung der feste Sitz des Bischofs, der in der Hauptkirche einer Diözese aufgestellt ist, die deshalb »Kathedrale« heißt; sie ist außerdem das Symbol der Autorität des Bischofs und insbesondere seines »Lehramtes«, das heißt der Lehre des Evangeliums, die er als Nachfolger der Apostel bewahren und an die christliche Gemeinde weitergeben soll. Wenn der Bischof die ihm anvertraute Teilkirche in Besitz nimmt, trägt er Mitra und Hirtenstab und nimmt auf der Kathedra Platz. Von diesem Sitz aus wird er als Lehrer und Hirt den Weg der Gläubigen in Glaube, Liebe und Hoffnung leiten.

Was war also die »Kathedra« des hl. Petrus? Er, der von Christus als »Fels« ausgewählt worden war, um darauf die Kirche zu bauen (vgl. Mt 16,18), begann seinen Dienst in Jerusalem, nach der Himmelfahrt Jesu und nach Pfingsten. Der erste »Sitz« der Kirche war der Abendmahlssaal, und wahrscheinlich war in jenem Saal, wo auch Maria, die Mutter Jesu, mit den Jüngern zusammen betete, für Simon Petrus ein besonderer Platz vorgesehen. Danach wurde Antiochien zum Sitz des Petrus, die am Fluß Orontes in Syrien, heute in der Türkei, gelegene Stadt und damals nach Rom und Alexandrien in Ägypten die drittgrößte Metropole des Römischen Reiches. Von dieser Stadt, die von Barnabas und Paulus evangelisiert worden war und wo »man die Jünger zum erstenmal Christen nannte« (Apg 11,26), wo also für uns der Name Christen entstanden ist, war Petrus der erste Bischof, so daß das Römische Martyrologium vor der Kalenderreform auch ein eigenes Fest der Kathedra Petri in Antiochien vorsah. Von dort führte die Vorsehung Petrus nach Rom. Dies ist also der Weg von Jerusalem, wo die Kirche entstanden ist, nach Antiochien, dem ersten Zentrum der Kirche, die aus Heiden bestand und noch mit der von den Juden herkommenden Kirche verbunden war. Danach begab sich Petrus nach Rom, den Mittelpunkt des Reiches, Symbol des »Orbis« – die »Urbs«, die Stadt, die Ausdruck des »Orbis«, des Erdkreises, ist –, wo er seinen Weg im Dienst des Evangeliums mit dem Martyrium vollendete. Deshalb erhielt der Sitz von Rom, dem die höchste Ehre zuteil geworden war, auch die dem Petrus von Christus anvertraute Ehre, nämlich allen Teilkirchen zu dienen, für den Aufbau und die Einheit des ganzen Volkes Gottes.

Der Sitz von Rom wurde nach diesem Weg des hl. Petrus somit als Sitz des Nachfolgers Petri anerkannt, und die »Kathedra« des Bischofs von Rom repräsentierte die des Apostels, der von Christus beauftragt worden war, dessen ganze Herde zu weiden. Das bezeugen die ältesten Kirchenväter, wie zum Beispiel der hl. Irenäus, Bischof von Lyon, aber aus Kleinasien stammend, der in seinem Traktat Adversus haereses [Gegen die Häresien] die Kirche von Rom als »größte und älteste, bei allen bekannte…, in Rom gegründet und aufgebaut von den zwei glorreichsten Aposteln Petrus und Paulus«, beschreibt. Und er fügt hinzu: »Mit dieser Kirche muß wegen ihres besonderen Vorranges notwendig jede Kirche übereinstimmen, das heißt die Gläubigen von überall« (III, 3, 2–3). Wenig später äußert sich Tertullian so: »Wie gesegnet ist doch diese Kirche von Rom! Es waren die Apostel selbst, die ihr mit ihrem Blut die ganze Lehre weitergegeben haben« (De praescriptione haereticorum, 36). Die Kathedra des Bischofs von Rom verkörpert also nicht nur dessen Dienst an der römischen Gemeinde, sondern seinen Leitungsauftrag für das ganze Volk Gottes.

Die »Kathedra« Petri feiern, wie wir es heute tun, bedeutet daher, ihr eine starke geistliche Bedeutung zuzuschreiben und darin ein bevorzugtes Zeichen der Liebe Gottes zu erkennen, des guten und ewigen Hirten, der seine ganze Kirche zusammenführen und auf dem Weg des Heils leiten will. Unter den vielen Zeugnissen der Kirchenväter möchte ich gern jenes des hl. Hieronymus wiedergeben, das einem seiner Briefe an den Bischof von Rom entnommen und besonders interessant ist, weil es ausdrücklich auf die »Kathedra« Petri Bezug nimmt und sie als sicheren Ankerplatz der Wahrheit und des Friedens darstellt. Hieronymus schreibt: »Ich habe beschlossen, bei der Kathedra Petri anzufragen, dort, wo jener Glaube ist, den der Mund eines Apostels gerühmt hat; ich komme jetzt, um an jenem Ort Nahrung für meine Seele zu erbitten, wo ich einst das Kleid Christi erhalten habe. Ich folge keinem anderen Primat als dem Christi; deshalb setze ich mich mit deiner Heiligkeit in Verbindung, das heißt mit der Kathedra Petri. Ich weiß, daß auf diesem Fels die Kirche gebaut ist« (Briefe I,15,1–2).

Liebe Brüder und Schwestern, in der Apsis der Petersbasilika befindet sich, wie ihr wißt, das Denkmal der Kathedra des Apostels, ein Spätwerk Berninis, dargestellt in Form eines großen bronzenen Thrones, der von den Statuen von vier Kirchenlehrern getragen wird: zwei von ihnen stammen aus dem Westen, der hl. Augustinus und der hl. Ambrosius, und zwei aus dem Osten, der hl. Johannes Chrysostomos und der hl. Athanasios. Ich lade euch ein, vor diesem eindrucksvollen Werk innezuhalten, das heute, mit vielen Kerzen geschmückt, bewundert werden kann, und ganz besonders für das Amt, das Gott mir anvertraut hat, zu beten. Wenn ihr den Blick zu dem Alabasterfenster erhebt, das sich genau über der Kathedra öffnet, dann ruft den Heiligen Geist an, damit er meinen täglichen Dienst an der ganzen Kirche stets mit seinem Licht und seiner Kraft tragen möge. Dafür sowie für eure ergebene Aufmerksamkeit danke ich euch von Herzen.

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Petrus, der Fischer

Generalaudienz, Mittwoch, 17. Mai 2006

Liebe Brüder und Schwestern!

In der neuen Katechesereihe haben wir zunächst versucht, besser zu verstehen, was die Kirche ist, welche Vorstellung der Herr hinsichtlich dieser seiner neuen Familie hat. Dann haben wir gesagt, daß die Kirche in den Personen existiert. Und wir haben gesehen, daß der Herr diese neue Wirklichkeit, die Kirche, den zwölf Aposteln anvertraut hat. Nun wollen wir diese einzeln, einen nach dem anderen betrachten, um anhand der Personen zu verstehen, was es heißt, Kirche zu leben, was es heißt, Jesus nachzufolgen. Wir beginnen mit dem hl. Petrus.

Nach Jesus ist Petrus die bekannteste und meistgenannte Person in den Schriften des Neuen Testaments: Er wird 154 mal mit dem Beinamen »Pétros«, »Stein«, »Fels«, erwähnt: Das ist die griechische Übersetzung des aramäischen »Kefa«, jenes Namens, der ihm direkt von Jesus gegeben wurde und der neunmal, vor allem in den Paulusbriefen, belegt ist; dann ist noch der häufig angeführte Name »Simon« hinzuzufügen (75 mal), die gräzisierte Form seines ursprünglichen hebräischen Namens »Simeon« (zweimal: Apg 15,14; 2 Petr 1,1). Simon, der Sohn des Johannes (vgl. Joh 1,42) oder, in der aramäischen Form, »Barjona«, Sohn des Jonas (vgl. Mt 16,17), stammt aus Betsaida (vgl. Joh 1,44), einer kleinen Stadt östlich des Sees von Galiläa, aus der auch Philippus und natürlich Andreas, der Bruder des Simon, kamen. Seine Aussprache verriet den galiläischen Akzent. Auch er war, wie sein Bruder, Fischer: Zusammen mit der Familie des Zebedäus, des Vaters von Jakobus und Johannes, führte er einen kleinen Fischereibetrieb am See Gennesaret (vgl. Lk 5,10). Deshalb dürfte er einen gewissen wirtschaftlichen Wohlstand genossen haben, und er war von einem aufrichtigen religiösen Interesse beseelt, von einem Verlangen nach Gott – er wünschte sich, daß Gott in der Welt eingreife –, ein Verlangen, das ihn dazu veranlaßte, sich zusammen mit seinem Bruder bis nach Judäa zu begeben, um der Verkündigung Johannes des Täufers zu folgen (vgl. Joh 1,35–42).

Er war ein strenggläubiger Jude, vertraute auf die wirksame Gegenwart Gottes in der Geschichte seines Volkes, und es schmerzte ihn, daß er Gottes mächtiges Wirken in den Begebenheiten, deren Zeuge er jetzt war, nicht zu sehen vermochte. Er war verheiratet, und seine Schwiegermutter, die eines Tages von Jesus geheilt wurde, lebte in der Stadt Kafarnaum in dem Haus, in dem auch Simon wohnte, wenn er sich in jener Stadt aufhielt (vgl. Mt 8,14f.; Mk 1,29ff.; Lk 4,38f.). Durch kürzlich erfolgte archäologische Ausgrabungen ist es gelungen, unter dem achteckigen Mosaikfußboden einer kleinen byzantinischen Kirche die Spuren einer älteren Kirche zutage zu fördern, die in jenem Haus eingerichtet worden war, wie die Graffiti mit Anrufungen an Petrus bezeugen. Die Evangelien berichten uns, daß Petrus unter den ersten vier Jüngern des Nazareners war (vgl. Lk 5,1–11), denen sich ein fünfter anschloß, entsprechend dem Brauch jedes Rabbiners, fünf Schüler zu haben (vgl. Lk 5,27: Berufung des Levi). Als dann Jesus von fünf zu zwölf Jüngern übergeht (vgl. Lk 9,1–6), wird die Neuheit seiner Sendung klar: Er ist nicht ein Rabbiner unter vielen, sondern er ist gekommen, das endzeitliche Israel zusammenzuführen, das durch die Zahl Zwölf, die Zahl der Stämme Israels, symbolisiert wird.

Simon tritt uns in den Evangelien mit einem entschiedenen und impulsiven Charakter entgegen; er ist bereit, seine Überzeugungen auch mit Gewalt durchzusetzen (man denke an den Gebrauch des Schwertes im Garten am Fuß des Ölbergs, vgl. Joh 18,10f.). Gleichzeitig ist er manchmal naiv und ängstlich und dennoch ehrlich, bis hin zur aufrichtigsten Reue (vgl. Mt 26,75). Die Evangelien erlauben es, seinen geistlichen Weg Schritt für Schritt zu verfolgen. Der Ausgangspunkt ist die Berufung durch Jesus. Sie ereignet sich an einem gewöhnlichen Tag, während Petrus seiner Arbeit als Fischer nachgeht. Jesus befindet sich am See Gennesaret, und um ihn drängt sich die Menge, weil sie ihn hören will. Die Zahl der Zuhörer bereitet einige Schwierigkeiten. Der Meister sieht zwei Boote, die am Ufer liegen; die Fischer sind ausgestiegen und waschen die Netze. Da fragt er, ob er in das Boot, das Boot des Simon, einsteigen dürfe, und bittet ihn, vom Land wegzufahren. Er nimmt auf jenem improvisierten Lehrstuhl Platz und beginnt, das Volk vom Boot aus zu lehren (vgl. Lk 5,1–3). Und auf diese Weise wird das Boot des Petrus zum Lehrstuhl Jesu, zur »Kathedra«. Als er seine Rede beendet hat, sagt er zu Simon: »Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!« Simon antwortet ihm: »Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen« (Lk 5,4–5). Jesus war Zimmermann und kein Experte im Fischfang: Dennoch vertraut der Fischer Petrus diesem Rabbi, der ihm keine Antworten gibt, sondern ihn dazu aufruft, ihm zu vertrauen. Seine Reaktion angesichts des wunderbaren Fischfangs ist Staunen und Schrecken: »Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder« (Lk 5,8). Jesus antwortet ihm, indem er ihn auffordert, zu vertrauen und sich einem Plan zu öffnen, der alle seine Perspektiven übersteigt: »Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen« (Lk 5,10). Petrus konnte sich noch nicht vorstellen, daß er eines Tages nach Rom kommen und hier »Menschenfischer« für den Herrn sein würde. Er nimmt die überraschende Berufung an, sich in dieses große Abenteuer hineinziehen zu lassen: Er ist großmütig, er erkennt, daß er Grenzen hat, aber er glaubt an denjenigen, der ihn ruft, und folgt dem Traum seines Herzens. Er sagt Ja – ein mutiges und hochherziges Ja – und wird Jünger Jesu.

Einen anderen bedeutsamen Augenblick seines geistlichen Weges wird Petrus in der Nähe von Cäsarea Philippi erleben, als Jesus den Jüngern eine präzise Frage stellt: »Für wen halten mich die Menschen?« (Mk 8,27). Jesus genügt jedoch die aus dem Hörensagen stammende Antwort nicht. Von jemandem, der sich darauf eingelassen hat, in persönliche Beziehung zu ihm zu treten, möchte er eine persönliche Stellungnahme. Deshalb fragt er weiter: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (Mk 8,29). Es ist Petrus, der auch für die anderen antwortet: »Du bist der Christus«, das heißt der Messias (vgl. ebd.). Diese Antwort des Petrus, die nicht aus seinem »Fleisch und Blut« kam, sondern ihm vom Vater im Himmel geschenkt wurde (vgl. Mt 16,17), trägt gleichsam im Keim das künftige Glaubensbekenntnis der Kirche in sich. Dennoch hatte Petrus noch nicht den tiefen Gehalt der messianischen Sendung Jesu, den neuen Sinn dieses Wortes »Messias « verstanden. Das zeigt er wenig später, als er zu verstehen gibt, daß der Messias, den er in seinen Träumen ersehnt, sich sehr vom tatsächlichen Plan Gottes unterscheidet. Angesichts der Ankündigung der Passion entrüstet er sich und protestiert, womit er die heftige Reaktion Jesu hervorruft (vgl. Mk 8,32–33). Petrus will einen Messias, der als »göttlicher Mensch« die Erwartungen des Volkes erfüllt, indem er allen seine Macht auferlegt: Es ist auch unser Wunsch, daß der Herr seine Macht durchsetzt und die Welt sofort verwandelt; Jesus zeigt sich als »menschlicher Gott«, als Gottesknecht, der die Menge in ihren Erwartungen erschüttert, als er einen Weg der Demut und des Leidens einschlägt. Das ist die entscheidende Alternative, die auch wir immer wieder neu lernen müssen: Unter Zurückweisung Jesu den eigenen Erwartungen den Vorzug zu geben oder aber Jesus in der Wahrheit seiner Sendung anzunehmen und die allzu menschlichen Erwartungen zurückzustellen. Petrus – impulsiv, wie er ist – zögert nicht, Jesus beiseite zu nehmen und ihn zu tadeln. Die Antwort Jesu läßt alle seine falschen Erwartungen zusammenbrechen, als dieser ihn zu Bekehrung und Nachfolge aufruft: »Weiche hinter mich, Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen« (Mk 8,33). Nicht du sollst mir den Weg weisen: Ich schlage meinen Weg ein, und du sollst wieder hinter mir hergehen.

So lernt Petrus, was es heißt, Jesus wirklich nachzufolgen. Es ist seine zweite Berufung, ähnlich jener Abrahams in Genesis 22, die auf die von Genesis 12 folgt: »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten« (Mk 8,34–35). Das ist das anspruchsvolle Gesetz der Nachfolge: Man muß, wenn es notwendig ist, auf die ganze Welt verzichten können, um die wahren Werte zu retten, die Seele zu retten, die Gegenwart Gottes in der Welt zu retten (vgl. Mk 8,36–37). Petrus nimmt, wenn auch mit Mühe, die Einladung Jesu an und setzt seinen Weg auf den Spuren des Meisters fort.

Mir scheint, daß diese verschiedenen Bekehrungen des hl. Petrus und seine ganze Gestalt ein großer Trost und eine großartige Lehre für uns sind: Auch wir haben Verlangen nach Gott, auch wir wollen großmütig sein, aber auch wir erwarten, daß Gott sich in der Welt als stark erweist und die Welt gemäß unseren Vorstellungen und gemäß den Bedürfnissen, die wir sehen, sofort verwandelt. Gott wählt einen anderen Weg. Gott wählt den Weg der Verwandlung der Herzen im Leiden und in der Demut. Und wie Petrus müssen auch wir uns immer wieder bekehren. Wir müssen Jesus nachfolgen und ihm nicht vorausgehen: Er ist es, der uns den Weg weist. So sagt uns Petrus: Du glaubst, die richtige Formel zu besitzen und das Christentum verändern zu müssen, aber es ist der Herr, der den Weg kennt. Es ist der Herr, der zu mir sagt, der zu dir sagt: Folge mir nach! Und wir müssen den Mut und die Demut haben, Jesus nachzufolgen, weil er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.

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In den Katechesen zum apostolischen Amt habe ich mich bisher theologischen Aspekten zugewandt, vornehmlich der Bedeutung des apostolischen Dienstes für die Gemeinschaft der Kirche. Nun in den folgenden Katechesen möchte ich gern die einzelnen Apostel etwas betrachten.

Nach Jesus Christus ist im Neuen Testament der Apostel Petrus die meistgenannte Person. Simon Petrus stammte aus Betsaida, war Fischer wie sein Bruder Andreas und gehörte zu den ersten vier Jüngern Jesu. Im Anschluß an den wunderbaren Fischfang ruft Jesus den Fischer Simon zu einer Aufgabe, die all seine Vorstellungen übersteigt: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ (Lk 5, 10). Petrus vertraut dem Herrn und wird sein Jünger. Ein weiterer bedeutender Moment ist dann das Bekenntnis des Petrus in Cäsarea Philippi: „Du bist der Messias!“ (Mk 8, 29). Diese Antwort, die ihm der Vater im Himmel eingegeben hat, ist gewissermaßen der Keim des zukünftigen Bekenntnisses und des Glaubens der Kirche. Zu diesem Zeitpunkt hatte Petrus aber noch nicht die wahre Bedeutung der Sendung Christi, die Umformung der messianischen Idee verstanden; zu sehr war er noch menschlichem Denken und menschlichen Erwartungen verhaftet. So ruft Jesus ihn zur Umkehr und in die Nachfolge, die das Kreuz miteinschließt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8, 34).

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Petrus, der Apostel

Generalaudienz, Mittwoch, 24. Mai 2006

Liebe Brüder und Schwestern!

In diesen Katechesen denken wir über die Kirche nach. Wir haben gesagt, daß die Kirche in den Personen lebt, und deshalb haben wir in der letzten Katechese begonnen, über die Gestalten der einzelnen Apostel nachzudenken, angefangen beim hl. Petrus. Wir haben zwei entscheidende Abschnitte seines Lebens betrachtet: die Berufung am See von Galiläa und dann das Glaubensbekenntnis: »Du bist der Christus, der Messias«. Ein Bekenntnis, so haben wir gesagt, das noch unzureichend ist, in den Anfängen steht, und das dennoch offen ist. Der hl. Petrus stellt sich in den Weg der Nachfolge. Und so trägt dieses anfängliche Bekenntnis gleichsam im Keim bereits den künftigen Glauben der Kirche in sich. Heute wollen wir zwei weitere wichtige Ereignisse im Leben des hl. Petrus betrachten: die Brotvermehrung – wir haben in dem soeben gelesenen Abschnitt die Frage des Herrn und die Antwort des Petrus gehört – und danach den Herrn, der Petrus dazu beruft, Hirt der universalen Kirche zu sein.

Wir beginnen mit dem Ereignis der Brotvermehrung. Ihr wißt, daß das Volk dem Herrn stundenlang zugehört hatte. Am Ende sagt Jesus: Sie sind müde, sie haben Hunger, wir müssen diesen Menschen zu essen geben. Die Apostel fragen: Aber wie? Und Andreas, der Bruder des Petrus, lenkt die Aufmerksamkeit Jesu auf einen Jungen, der fünf Brote und zwei Fische bei sich hat. Doch was ist das für so viele Menschen, fragen sich die Apostel. Doch der Herr läßt die Menschen sich setzen und diese fünf Brote und zwei Fische verteilen. Und alle werden satt. Ja, der Herr beauftragt sogar die Apostel, unter ihnen auch Petrus, die reichlichen Reste einzusammeln: zwölf Körbe voll Brot (vgl. Joh 6,12–13). Daraufhin wollen die Menschen, als sie dieses Wunder sehen – das die so sehr erwartete Erneuerung eines neuen »Manna«, Geschenk des Brotes vom Himmel, zu sein scheint –, Jesus zu ihrem König machen. Aber Jesus nimmt das nicht an und zieht sich auf den Berg zurück, um ganz allein zu beten. Am nächsten Tag, am anderen Ufer des Sees, in der Synagoge von Kafarnaum, legte Jesus das Wunder aus – nicht im Sinne einer Königsherrschaft über Israel mit Macht von dieser Welt in der Art, wie die Menge sie erhoffte, sondern im Sinne der Gabe seiner selbst: »Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt« (Joh 6,51). Jesus kündigt das Kreuz an und mit dem Kreuz die wahre Brotvermehrung, das eucharistische Brot – seine vollkommen neue Weise, König zu sein, eine Weise, die in völligem Gegensatz zu den Erwartungen der Menschen steht.

Wir können verstehen, daß diese Worte des Meisters – der nicht jeden Tag eine Brotvermehrung vollbringen will, der Israel keine Macht von dieser Welt anbieten will – den Menschen wirklich Schwierigkeiten bereiteten, ja daß sie für sie sogar unannehmbar waren. »Er gibt sein Fleisch«: Was soll das heißen? Und auch den Jüngern erscheint das, was Jesus in diesem Augenblick sagt, unannehmbar zu sein. Es war und ist für unser Herz, für unsere Mentalität, eine »unerträgliche« Rede, die den Glauben auf die Probe stellt (vgl. Joh 6,60). Viele Jünger zogen sich zurück. Sie wollten jemanden, der wirklich den Staat Israels, seines Volkes, erneuert, und nicht jemanden, der sagt: »Ich gebe mein Fleisch.« Wir können uns vorstellen, daß die Worte Jesu auch für Petrus, der sich in Cäsarea Philippi der Prophezeiung des Kreuzes entgegengestellt hatte, schwierig waren. Und dennoch, als Jesus die Zwölf fragte: »Wollt auch ihr weggehen?«, reagierte Petrus, vom Heiligen Geist geleitet, mit dem Schwung seines großzügigen Herzens. Im Namen aller antwortete er mit unvergänglichen Worten, die auch unsere Worte sind: »Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes« (vgl. Joh 6,66–69).

Hier gibt Petrus wie in Cäsarea mit seinen Worten dem christologischen Glaubensbekenntnis der Kirche seinen Anfang und wird zum Sprachrohr auch der anderen Apostel und von uns Gläubigen aller Zeiten. Das will nicht heißen, daß er das Geheimnis Christi schon in seiner ganzen Tiefe verstanden hätte. Sein Glaube war noch ein Glaube, der in den Anfängen stand, ein Glaube auf dem Weg; zur wahren Fülle sollte er erst durch die Erfahrung des Ostergeschehens gelangen. Aber trotzdem war es schon Glaube, ein für die größere Wirklichkeit offener Glaube – offen vor allem deshalb, weil er kein Glaube an etwas, sondern Glaube an jemanden war: an Ihn, Christus. So ist auch unser Glaube immer ein Glaube, der in den Anfängen steht, und wir müssen noch einen langen Weg zurücklegen. Aber es ist wesentlich, daß es ein offener Glaube ist und daß wir uns von Jesus führen lassen, weil er den Weg nicht nur kennt, sondern der Weg ist.

Seine ungestüme Großherzigkeit bewahrt Petrus freilich nicht vor den Gefahren, die mit der menschlichen Schwäche verbunden sind. Das können wir im übrigen auf der Grundlage unseres eigenen Lebens bestätigen. Petrus ist Jesus mit Eifer gefolgt, er hat die Glaubensprüfung bestanden, indem er sich ihm ganz hingab. Trotzdem kommt der Augenblick, in dem er der Angst nachgibt und fällt: Er verrät den Meister (vgl. Mk 14,66–72). Die Schule des Glaubens ist kein Triumphmarsch, sondern ein Weg, der mit Leiden und Liebe bedeckt ist, mit Prüfungen und einer Treue, die jeden Tag erneuert werden muß. Petrus, der vollkommene Treue versprochen hatte, kennt die Bitternis und die Demütigung der Verleugnung: Der Übermütige lernt auf eigene Kosten die Demut. Auch Petrus muß lernen, schwach zu sein und der Vergebung zu bedürfen. Als ihm endlich die Maske abfällt und er die Wahrheit seines schwachen Herzens, das das Herz eines gläubigen Sünders ist, begreift, bricht er in befreiende Tränen der Reue aus. Nach diesen Tränen ist er bereit für seine Sendung.

An einem Frühlingsmorgen wird ihm diese Sendung vom auferstandenen Jesus anvertraut werden. Die Begegnung wird sich am Ufer des Sees von Tiberias zutragen. Es ist der Evangelist Johannes, der uns das Gespräch überliefert, das bei dieser Gelegenheit zwischen Jesus und Petrus stattfindet. Hier tritt uns in den Verben ein sehr bedeutsames Wortspiel entgegen. Im Griechischen drückt das Verb »philéo« die freundschaftliche Liebe aus, die zwar zärtlich, aber nicht allumfassend ist, während das Verb »agapáo« die vorbehaltlose, allumfassende und bedingungslose Liebe bedeutet. Jesus fragt Petrus beim ersten Mal: »Simon…, liebst du mich (agapâs-me)« mit dieser allumfassenden und bedingungslosen Liebe (vgl. Joh 21,15)? Vor der Erfahrung des Verrates hätte der Apostel sicherlich gesagt: »Ich liebe dich (agapô-se) bedingungslos«. Jetzt, da er die bittere Traurigkeit der Untreue, das Drama der eigenen Schwäche kennengelernt hat, sagt er voll Demut: »Herr, ich habe dich lieb (philô-se)«, das heißt: »Ich liebe dich mit meiner armseligen menschlichen Liebe«. Christus fragt noch einmal: »Simon, liebst du mich mit dieser allumfassenden Liebe, die ich will?« Und Petrus wiederholt die Antwort seiner demütigen menschlichen Liebe: »Kyrie, philô-se«, »Herr, ich habe dich lieb, so wie ich liebzuhaben vermag«. Beim dritten Mal sagt Jesus zu Simon nur: »Phileîs-me?«, »Hast du mich lieb?«. Simon versteht, daß Jesus seine armselige Liebe genügt, die einzige, zu der er fähig ist, und trotzdem ist er traurig darüber, daß der Herr so zu ihm sprechen mußte. Deshalb antwortet er ihm: »Herr, du weißt alles; du weißt, daß ich dich lieb habe (philô-se)«. Man möchte fast sagen, daß Jesus sich eher an Petrus angepaßt hat als Petrus an Jesus! Gerade dieses göttliche Anpassen schenkt dem Jünger, der das Leid der Untreue kennengelernt hat, Hoffnung. Daraus erwächst das Vertrauen, das ihn zur Nachfolge bis ans Ende fähig macht: »Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!« (Joh 21,19).

Von jenem Tag an »folgte« Petrus dem Meister mit dem klaren Bewußtsein der eigenen Schwäche; aber dieses Bewußtsein hat ihn nicht entmutigt. Er wußte nämlich, daß er auf die Gegenwart des Auferstandenen an seiner Seite zählen konnte. Vom naiven Enthusiasmus der anfänglichen Zustimmung über die schmerzhafte Erfahrung der Verleugnung und die Tränen der Bekehrung ist Petrus dahin gelangt, sich jenem Jesus anzuvertrauen, der sich seiner armseligen Liebesfähigkeit angepaßt hat. Und so zeigt er auch uns den Weg, ungeachtet all unserer Schwäche. Wir wissen, daß Jesus sich unserer Schwäche anpaßt. Wir folgen ihm mit unserer armseligen Liebesfähigkeit und wissen, daß Jesus gut ist und uns annimmt. Es war für Petrus ein langer Weg, der ihn zu einem zuverlässigen Zeugen gemacht hat, zum »Felsen« der Kirche, weil er ständig für das Wirken des Geistes Jesu offen war. Petrus selbst wird sich als »Zeuge der Leiden Christi« bezeichnen, der »auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird« (1 Petr 5,1). Wenn er diese Worte schreiben wird, wird er schon alt sein und auf das Ende seines Lebens zugehen, das er mit dem Martyrium beschließen wird. Dann wird er in der Lage sein, die wahre Freude zu beschreiben und zu zeigen, wo man sie schöpfen kann: Die Quelle ist Christus, den wir mit unserem schwachen, aber aufrichtigen Glauben lieben und an den wir glauben, trotz unserer Schwäche. Deshalb wird er an die Christen seiner Gemeinde schreiben und sagt auch uns: »Ihn habt ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil« (1 Petr 1,8–9).

* * *

An der Person des Apostels Petrus können wir sehen, wie ein Mensch den Ruf zur Nachfolge Christi aufnimmt. Petrus hört die Worte des Meisters und wird Zeuge seiner Wunder. Aber er versteht nur allmählich, was die „Königsherrschaft Jesu“ bedeutet. Dem Herrn geht es nicht um ein irdisches Reich, sondern um den wahren Frieden und die rechte Ordnung, die aus der Hingabe seiner selbst an den Willen des Vaters erwachsen. „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (Joh 6, 51).

Vielen Hörern bleibt diese Botschaft unverständlich. Sie stellt ihren Glauben auf die Probe. Petrus gibt uns hier ein Vorbild des Vertrauens und des Großmutes, die dem Wirken Gottes die Herzen öffnen: „Herr, du hast Worte des ewigen Lebens“ (V. 68). Doch auch Petrus muß immer wieder die Erfahrung von Schwäche und Versagen machen. Als der auferstandene Christus den Apostel fragt: „Liebst du mich?“, meint er eine vorbehaltlose und totale Liebe. Die Antwort des Petrus ist zaghaft und unsicher. Nach dreimaligem Fragen nimmt Jesus die schwache und der göttlichen Stütze bedürftige Liebe des Menschen an. Der Herr kommt uns nahe, und wir dürfen ganz auf die heiligende Gegenwart des Auferstandenen vertrauen: Christus ist der „Heilige Gottes“, die Quelle wahrer Freude.

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Petrus, der Fels

Generalaudienz, Mittwoch, 7. Juni 2006

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir nehmen die wöchentlichen Katechesen wieder auf, mit denen wir in diesem Frühjahr begonnen haben. Bei der letzten Katechese vor vierzehn Tagen hatte ich von Petrus als dem Ersten der Apostel gesprochen; heute wollen wir noch einmal auf diese große und wichtige Gestalt der Kirche zurückkommen. Der Evangelist Johannes berichtet von der ersten Begegnung Jesu mit Simon, dem Bruder des Andreas, und erwähnt dabei einen einzigartigen Vorfall: »Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus)« (Joh 1,42). Gewöhnlich änderte Jesus die Namen seiner Jünger nicht. Sieht man von dem Beinamen »Donnersöhne« ab, den er in einer ganz bestimmten Situation auf die Söhne des Zebedäus anwandte (vgl. Mk 3,17) und der später nicht mehr gebraucht wurde, so hat er nie einem Jünger einen neuen Namen gegeben. Bei Simon hingegen hat er das getan, als er ihn »Kephas« nannte. Dieser Name wurde dann im Griechischen zu »Petros«, im Lateinischen zu »Petrus«. Und er wurde eben deshalb übersetzt, weil es sich nicht bloß um einen Namen handelte; es war ein »Auftrag«, den Petrus auf diese Weise vom Herrn erhielt. Der neue Name »Petrus« kehrt in den Evangelien dann mehrmals wieder und ersetzt schließlich den ursprünglichen Namen Simon.

Diese Tatsache nimmt besondere Bedeutung an, wenn man bedenkt, daß im Alten Testament die Namensänderung im allgemeinen der Übertragung einer Sendung vorausging (vgl. Gen 17,5; 32,28ff.; usw.). Tatsächlich gibt es zahlreiche Hinweise auf den Willen Christi, Petrus eine besondere Stellung innerhalb des Apostelkollegiums zu geben: In Kafarnaum geht der Meister in das Haus des Petrus, um dort zu übernachten (vgl. Mk 1,29); als sich das Volk am Ufer des Sees Gennesaret um ihn drängt, wählt Jesus von den beiden dort liegenden Booten das Boot des Simon aus (vgl. Lk 5,3); wenn Jesus sich in besonderen Situationen nur von drei Jüngern begleiten läßt, wird Petrus stets als erster der Gruppe erwähnt: so bei der Auferweckung der Tochter des Jairus (vgl. Mk 5,37; Lk8,51), bei der Verklärung (vgl. Mk 9,2; Mt 17,1; Lk 9,28) und schließlich während der Agonie im Garten Getsemani (vgl. Mk 14,33; Mt 26,37). Und weiter: An Petrus wenden sich die Steuereintreiber des Tempels, und der Meister zahlt nur für sich und für ihn (vgl. Mt 17,24–27); dem Petrus wäscht Jesus beim Letzten Abendmahl als erstem die Füße (vgl. Joh 13,6), und nur für ihn betet er, damit sein Glaube nicht erlischt und er dann die anderen Jünger im Glauben stärken kann (vgl. Lk 22,30–31).

Petrus selbst ist sich dieser besonderen Stellung auch bewußt: Er ist es, der oft auch im Namen der anderen spricht, und um die Erklärung eines schwierigen Gleichnisses bittet (vgl. Mt 15,15) oder nach dem genauen Sinn eines Gebotes fragt (Mt 18,21) oder die förmliche Zusage einer Belohnung erbittet (vgl. Mt 19,27). Insbesondere ist er es, der gewissen Situationen ihre Verlegenheit nimmt, indem er im Namen aller eingreift. Als Jesus beispielsweise wegen des Unverständnisses der Menge nach seiner Rede über das »Brot des Lebens« betrübt ist und fragt: »Wollt auch ihr weggehen?«, antwortet Petrus mit Entschiedenheit: »Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens« (vgl. Joh 6,67–69). Ebenso deutlich ist das Glaubensbekenntnis, das er, wieder im Namen der Zwölf, bei Cäsarea Philippi ablegt. Auf die Frage Jesu: »Für wen haltet ihr mich?«, antwortet Petrus: »Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!« (Mt 16,15–16). Als Erwiderung spricht Jesus daraufhin die feierliche Erklärung aus, die ein für allemal die Rolle des Petrus in der Kirche festlegt: »Ich aber sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen … Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein« (Mt 16,18–19). Die drei Metaphern, auf die Jesus zurückgreift, sind in sich sehr deutlich: Petrus wird der »Felsengrund« sein, auf dem das Gebäude der Kirche stehen wird; er wird die »Schlüssel« des Himmelreichs besitzen, um es für Menschen zu öffnen oder zu verschließen, so wie er es bei jedem für richtig hält; schließlich wird er »binden« und »lösen« können, in dem Sinne, daß er festlegen oder verbieten kann, was er für das Leben der Kirche, die die Kirche Christi ist und bleibt, als notwendig erachtet. Die Kirche ist immer die Kirche Christi und nicht die des Petrus. So wird in sehr anschaulichen Bildern das beschrieben, was in der späteren theologischen Reflexion mit dem Begriff »Jurisdiktionsprimat« bezeichnet werden wird.

Diese Vorrangstellung, die Jesus dem Petrus zuerkannt hat, begegnet uns auch nach der Auferstehung: Jesus beauftragt die Frauen, die Auferstehung dem Petrus gesondert von den anderen Aposteln zu verkündigen (vgl. Mk 16,7); zu ihm und zu Johannes läuft Maria von Magdala, um diesen mitzuteilen, daß der Stein vom Eingang des Grabes weggenommen ist (vgl. Joh 20,2), und Johannes wird ihm den Vortritt lassen, als die beiden vor dem leeren Grab angekommen sind (vgl. Joh 20,4–6); Petrus wird dann unter den Aposteln der erste Zeuge einer Erscheinung des Auferstandenen sein (vgl. Lk 24,34; 1 Kor 15,5). Seine Rolle, die deutlich unterstrichen wird (vgl. Joh 20,3–10), betont die Kontinuität zwischen der Vorrangstellung, die Petrus in der Gruppe der Apostel hatte, und der Vorrangstellung, die er, wie die Apostelgeschichte bezeugt, in der Gemeinde haben wird, die mit dem Ostergeschehen entstanden ist (vgl. Apg 1,15–26; 2,14–40; 3,12–26; 4,8–12; 5,1–11.29; 8,14–17; 10; usw.). Sein Verhalten wird als so entscheidend angesehen, daß es aufmerksam beobachtet wird und auch Kritik unterworfen ist (vgl. Apg 11,1–18: Gal 2,11–14). Beim sogenannten Konzil von Jerusalem kommt Petrus eine Leitungsfunktion zu (vgl. Apg 15 und Gal 2,1–10), und eben weil er Zeuge des wahren Glaubens ist, wird auch Paulus in ihm in gewisser Weise den »Ersten« erkennen (vgl. 1 Kor 15,5; Gal 1,18; 2,7f.; usw.). Verschiedene auf Petrus bezogene Schlüsseltexte können auf den Kontext des Letzten Abendmahls zurückgeführt werden, in dem Christus dem Petrus den Auftrag gibt, seine Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,31f.). Das zeigt, daß die Kirche, die aus dem österlichen Gedächtnis entsteht, das in der Eucharistie gefeiert wird, in dem Petrus anvertrauten Amt eines ihrer grundlegenden Elemente besitzt.

Dieses Hineinstellen des Primats des Petrus in den Kontext des Letzten Abendmahls, in den Augenblick der Einsetzung der Eucharistie, des Pascha des Herrn, weist auch auf den letztendlichen Sinn dieses Primats hin: Petrus muß für alle Zeiten der Hüter der Gemeinschaft mit Christus sein; er muß zur Gemeinschaft mit Christus hinführen; er muß dafür Sorge tragen, daß das Netz nicht reißt und so die universale Gemeinschaft fortdauern kann. Nur gemeinsam können wir mit Christus sein, der der Herr aller Menschen ist. Bei Petrus liegt also die Verantwortung, mit der Liebe Christi die Gemeinschaft mit Christus zu gewährleisten, indem er zur Umsetzung dieser Liebe im täglichen Leben hinführt. Beten wir darum, daß der Primat des Petrus, der einfachen Menschen anvertraut worden ist, immer in diesem ursprünglichen, vom Herrn gewollten Sinn ausgeübt werden kann und so von den Brüdern, die noch nicht in voller Gemeinschaft mit uns stehen, immer mehr in seiner wahren Bedeutung erkannt werden kann.

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Heute möchte ich mit euch weiter über Simon Petrus und seine Stellung im Kreis der Apostel nachdenken. Das Evangelium berichtet uns, daß Simon bei seiner Berufung einen neuen Namen erhält. Jesus blickt „den Sohn des Johannes“ an und sagt ihm: „Du sollst Kephas heißen.“ Der Evangelist fügt erläuternd hinzu: „Kephas bedeutet Fels – Petrus“ (Joh 1, 42). Diese Namensgebung zu Beginn der Mission des „Menschenfischers“ unterstreicht die ihm vom Herrn selbst zugedachte hervorgehobene Rolle unter den Jüngern. Immer wieder ist es Petrus, der im Namen der anderen Apostel spricht. Auf sein Bekenntnis zu Jesus „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes!“ erhält er den Auftrag und die Vollmacht des Herrn: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (vgl. Mt 16, 15–18). Die anschaulichen Worte des Evangeliums von den „Schlüsseln des Himmelreichs“ und vom Mandat Petri zu „binden“ und zu „lösen“ begründen später den mit dem Petrusamt verbundenen Jurisdiktionsprimat. Wir sehen, liebe Freunde, die Vorrangstellung Petri im Apostelkollegium setzt sich fort in der Gemeinschaft der Kirche. Einen ersten Hinweis darauf finden wir in den Berichten über das „Apostelkonzil in Jerusalem“, bei dem Petrus eine Leitungsfunktion innehat (Apg 15; Gal 2, 1-10).

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Die Gefangennahme und Befreiung des Heiligen Petrus

Generalaudienz, Mittwoch, 9. Mai 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich über das Gebet der Urgemeinde zu Jerusalem sprechen, die für den Apostel Petrus inständig betete, als er auf Anordnung des Königs Herodes im Gefängnis war und seinem Prozeß entgegenblickte (vgl. Apg 12,6-19a). Diese Begebenheit ist ein Beispiel dafür, wie die Gemeinschaft der ersten Christen den Schwierigkeiten, die ihre Existenz bedrohten, zu begegnen wußte – den äußeren Verfolgungen, aber auch den inneren Auseinandersetzungen, wie Neid und Streit, von denen zum Beispiel der Apostel Jakobus berichtet (Jak 3,14-16). Die Urgemeinde findet sich angesichts dieser Bedrängnisse zum gemeinsamen und inständigen Gebet zusammen. Sie wird eins dadurch, daß sie zu Gott hinschaut. Der Bericht des heiligen Lukas zeigt uns aber auch, wie nah, ja gegenwärtig Gott dem Beten der Kirche ist. Der Herr sendet dem gefangenen Petrus seinen Engel in den Kerker, um ihn zu befreien. Die Ketten fallen von seinen Händen ab, das eiserne Tor öffnet sich, und er geht in die Stadt. Erst dann wird er sich bewußt, daß es nicht ein Traum, nicht eine Schauung war, sondern daß er wirklich im Freien ist. Der Herr bringt uns ins Freie. Das entscheidende Wort des Engels ist dabei: »Folge mir nach!«, »Geh hinter mir her!« (vgl. Apg 12,8). Es ist das Wort, das der Herr selbst am See von Gennesaret zu Beginn der Berufung und dann nach Ostern wieder zu ihm gesagt hatte. Schließlich erwähnt der heilige Lukas eigens, daß Petrus im Gefängnis geschlafen hat, sogar fest geschlafen hat, weil der Engel ihm einen Stoß geben mußte (vgl. Apg 12,6f). Obwohl er wußte, am Morgen beginnt der Prozeß, wußte er sich in den Händen Gottes geborgen; er war nicht aufgeregt, sondern hat in Ruhe geschlafen, wissend, daß er in den Händen des gütigen Gottes ist. Er ruht im Vertrauen auf Gott und weiß sich getragen von dem beständigen Gebet der Kirche. Und da möchte ich ein persönliches Wort einfügen: Ich weiß, daß auch ich in meinen Dienst immer vom Gebet der Kirche, von eurem Gebet getragen bin, und dafür danke ich von Herzen.

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Sehr herzlich grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher. Der Marienmonat Mai ist, wie wir wissen, in besonderer Weise der Verehrung der Muttergottes gewidmet. Gott hat das Ja Marias angenommen, um seinen geliebten Sohn der Welt zu schenken. So lädt uns der Maimonat ein, daß wir uns ihrer mütterlichen Fürsprache anvertrauen: »Mutter der Gnaden, reich uns die Hand, auf all unsern Wegen, durchs irdische Land.« Danke.

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