Wir über uns? Die Liturgie von 1962
Die
Priesterbruderschaft und die Liturgie
Das
Ziel der Priesterbruderschaft St. Petrus ist die Heiligung des Priesters
durch die Ausübung seiner priesterlichen Funktion, besonders indem
er sein Leben dem heiligen Meßopfer gleichgestaltet, und sich dabei
die „liturgische und spirituelle Überlieferung der Kirche“[1]
vor Augen hält. Der Gebrauch der liturgischen Bücher, die 1962 in
Kraft waren, ist den Priestern der Priesterbruderschaft St. Petrus
erlaubt, sowie anderen Priestern, die sich in den Häusern der Bruderschaft
aufhalten, oder ihren heiligen Dienst in den Kirchen der Bruderschaft
versehen.[2]
Der „überlieferte“ römische Ritus (auch “tridentinischer” Ritus
oder “der Ritus des hl. Papstes Pius V“ genannt) [3],
ist – so wie er bis zur Reform von 1969 in der lateinischen Kirche
in Kraft war – ein besonderes Merkmal der Priesterbruderschaft St.
Petrus. Es ist daher angemessen, kurz unsere Gründe zu erklären,
warum wir diesem so wenig bekannten Ritus verbunden sind.
Die
Liturgie in der Kirche
Der
gesamte Kult, den die Kirche Gott darbringt“ – schrieb Papst Pius
XII. in der Enzyklika Mediator Dei, – "muß sinnfällig und
innerlich sein. Sinnfällig, weil es das Wesen des aus Leib und Seele
zusammengesetzten Menschen verlangt; dann weil es von Gott so gefügt
ist, daß‚ während wir Gott mit leiblichem Auge erkennen, Er in uns
die Liebe zum Unsichtbaren entflammt. (...) Doch das wesentliche
Element des Kultes muß innerlich sein, da es notwendig ist, immer
in Christus zu leben, sich Ihm ganz hinzugeben, um in Ihm, mit Ihm
und durch Ihn den himmlischen Vater zu verherrlichen.“ [4].
So „können diese sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeiten Ausdruck
des Wirkens Gottes werden, der die Menschen heiligt, und Ausdruck
des Wirkens der Menschen, die Gott anbeten. [5]
Die Kirche, die Braut Christi, führt im liturgischen Gebet die Hand
ihrer Kinder.
Gemäß der Konstitution Sacrosanctum Concilium (Nr. 7)
definiert man die Liturgie „als die Ausübung der priesterlichen
Funktion Jesu Christi, in der sich die Heiligung des Menschen durch
sinnfällige Zeichen kundtut und sich auf eine je eigene Weise verwirklicht;
in dieser Funktion wird der öffentliche Kult in seiner Ganzheit
durch den mystischen Leib Jesu Christi ausgeführt, das heißt durch
das Haupt und seine Glieder“.[6]
Im liturgischen Gebet werden die Glieder der Kirche Teil jenes
Kultes, der durch den Sohn dem Vater dargebracht wird. „Infolgedessen
ist die gesamte liturgische Feier als Werk des Hohenpriesters Christus
und Seines Leibes, der Kirche, die sakrale Handlung par excellence,
der keine andere Handlung der Kirche in derselben Weise und im selben
Maße an Wirksamkeit gleichkommt.“ [7]
Die
liturgischen Zeichen bestehen aus dem wesentlichen Zeichen, das
für die sakramentale Wirksamkeit notwendig sind, und aus den zweitrangigen
Zeichen, die wie dessen Schatulle sind. Alle diese heiligen
Gesten und Worte weisen auf eine Gnadenwirklichkeit hin, die geheimnisvoll
und transzendent ist, und lassen sie damit gegenwärtig werden, so
daß sie ihre Wirksamkeit und Fruchtbarkeit entfalten kann.
„Das Geheimnis der Messe überragt ihre eigenen liturgischen Zeichen.
So rechtmäßig und notwendig sie auch sein mögen, bleiben sie doch
ihrem Wesen nach unvollkommen. Sie stellen die Wirklichkeit nicht
vollständig dar, und es herrscht unter ihnen eine innere Spannung.
Soll man in der Liturgie vor allem auf das Opfer Christi bestehen,
das alles andere beherrscht und umhüllt? Oder soll man im Gegenteil
jene zweitrangige Rolle betonen, welche dem Opfer der Kirche und
der Teilnahme ihrer Kinder zukommt? (...) Soll man still anbeten
das unaussprechliche Geheimnis der mitten unter uns gegenwärtig
gesetzten Erlösung der Welt? Soll das Volk es lobpreisen? (...)
Man sieht, die Spannungen, aus denen verschiedene Riten entstanden
sind, treten auch innerhalb ein- und desselben Ritus auf. Angesichts
des Glaubens und der Betrachtung ist das in jeder heiligen Messe
gegenwärtig gesetzte Geheimnis der Erlösung eins, vollkommen, unwandelbar,
unendlich einfach, in seinem Gesichtskreis alles an Zeit und Raum
umfassend, vollkommen transzendent in seinen liturgischen
Formen, die nur einen zweitrangigen Wert haben können. Aber die
rechte Ordnung und das Gemeinschaftsleben der Kirche bedürfen genau
dieser liturgischen Formen. [8]
La
liturgie traditionnelle
Die
tridentinische Liturgie ist eine der Liturgieformen der Kirche.
Kodifiziert nach dem Konzil von Trient „in wahrhaft schwierigen
Zeiten, als dem katholischen Glauben Gefahr drohte hinsichtlich
des Opfercharakters der Messe, des Priesteramts, der wirklichen
und dauernden Gegenwart Christi unter den eucharistischen Gestalten
und des katholischen Glaubens, war es Pius’ V. vorrangige Aufgabe,
eine verhältnismäßig junge [9]
Überlieferung zu bewahren, die zu unrecht angegriffen wurde. Er
tat dies, indem er möglichst kleine Veränderungen in den heiligen
Ritus einführte“ So beschreibt die Institutio Generalis des
reformierten Meßbuchs in Nummer 7 des 1970 angefügten Präambel den
Hintergrund der tridentinischen Reform und die unerreichten Werte
des tridentinischen Meßbuchs. Heute, da der heiligen Eucharistie
immer weniger Glaube und Andacht entgegengebracht werden, darf man
die Frage stellen, ob es nicht ratsam erscheint, den gegenwärtigen
Unzulänglichkeiten in Theologie, Spiritualität und Seelsorge dadurch
zu begegnen, daß man die heiligen Geheimnisse in jenen liturgischen
Formen feiert, wie sie im Meßbuch des hl. Pius V. niedergelegt sind.
Die überlieferte Liturgie drückt in der Tat deutlich das auf
dem Altar gegenwärtig gesetzte Kreuzesopfer aus, richtet die Seele
auf Gott aus und zeugt von unserer Verehrung seiner realen Gegenwart.
Ganz gewiß darf man in der Messe keinen Theologieunterricht sehen,
aber ihre Gebete sind eine mit großer Sprachgewalt abgefaßte Lehre,
zu der auch die vier Zielsetzungen des heiligen Opfers gehören:
Anbetung, Danksagung, Sühne und Bitte.
Es ist nur natürlich, daß sich die Gebete der Messe auf die Anbetung
richten, weil der Mensch in seiner Eigenschaft als Geschöpf zunächst
seine vollständige Abhängigkeit von Gott erkennen muß. Dies ist
also der erste Zweck des Opfers. Beachten wir dann, daß die meisten
Orationen des Missales von 1962, sowie die verschiedenen Gebete
des Offertoriums und des Kanons inbrünstige Bitten an Gott sind
um Gnaden, an erster Stelle um jene, daß Er sich würdigen möge,
das Opfer anzunehmen. Die Gebete des Offertoriums zeigen klar den
Sühnecharakter des Opfers: die Erlösung erfüllt sich durch den für
unsere Sünden hingeopferten Christus. Dies alles findet u.a. in
dem so reichen Opferungsgebet der Überlieferung seinen deutlichen
Ausdruck.
Man
muß auch bemerken, daß imtridentinischen Ritus unsere Seele zum
Himmel steigt wie der Weihrauch, daß wir aus der sinnfälligen Wirklichkeit
in die Ewigkeit hinübertretend fähig werden, unsere Stimmen schon
hier auf Erden mit denen der Seligen zu vereinen. Alle Gesten, alle
Zeremonien existieren für dieses Ziel. Die Ausrichtung des Altars,
die Gesten der Anbetung, die sakrale Sprache, das Mysterium und
das Schweigen, das die Konsekration umgibt: in allen diesen Aspekten
tritt deutlich der sakrale Charakter der Messe zutage.
Ist es nicht so, daß der Priester in seiner sakralen Funktion
als Diener der Kirche zum Beispiel eine Sprache benützt, die nicht
seine Muttersprache ist, vielmehr die Sprache der Kirche, deren
Vertreter er ist. In der Tat ist die in der tridentinischen Liturgie
verwendete Sprache das Latein.[10]
Die meisten Gebete der Messe gehen auf die ersten Jahrhunderte unserer
christlichen Ära zurück. Es herrscht heute allgemeine Übereinstimmung
über die Frage, daß der Kanon (das zentrale Gebet des eucharistischen
Opfers) seine beinahe endgültige Fixierung gegen Ende des vierten
Jahrhunderts erfahren hat! [11]
1570 hat also Papst Pius V. kein neues Missale „verfaßt“, sondern
einfach Gebete und Riten in Einklang gebracht, die für ihn sehr
wohl ältere waren.
Was das Schweigen betrifft, so ist es der schönste Ausdruck unserer
Anbetung Gottes, der auf unsere Altäre herabsteigt; das dort vollzogene
Mysterium findet in der Stille seinen besten Ausdruck. Wie uns der
hl. Ignatius von Antiochien lehrt, begleitet das Schweigen das Mysterium:
„die Jungfräulichkeit Mariens, ihre Geburt und der Tod des Herrn
sind drei strahlende Mysterien, die Gott im Schweigen vollbrachte.“
Das Schweigen im Augenblick des Kanons fördert am besten eine wahrhaft
innige, persönliche und innerliche Teilnahme am Mysterium des Altars.
Auch die Musik spielt eine hervorragende Rolle in der klassischen
Liturgie: der gregorianische Gesang und die sakrale Polyphonie haben
sich über die Jahrhunderte hinweg gerade deshalb entwickelt, um
der Liturgie zu dienen und sie zu verschönern.
Ein
Erbe ... zur Weitergabe
Die
Liturgie der Priester der Petrusbruderschaft ist mit einem Wort
ein Erbe; sie ist ihrem Ursprung gemäß Ausdruck der Frömmigkeit
und Heiligkeit der Kirche. Zahlreich sind die Heiligen, die sie
kannten, und ihre Wohltaten sind heute noch zu sehen: ihr Reichtum
berückt tagtäglich jene, die sie feiern. Sie ist eine wertvolle
Hilfe, um uns irdische Pilger zu Gott zu führen. Papst Johannes
Paul II. hat in seiner Ansprache an die Vollversammlung der Kongregation
für Gottesdienst und Sakramente im September 2001 im Vatikan erklärt:
„Die Menschen müssen bei den Priestern und Diakonen eine durch und
durch ehrfürchtige und würdevolle Haltung erkennen, und damit die
Fähigkeit, ihnen zu helfen, die unsichtbaren Dinge selbst ohne viele
Worte und Erklärungen zu durchdringen. Wie Papst Pius V. sagt, findet
man im römischen Meßbuch wie in den verschiedenen Liturgien des
Ostens sehr schöne Gebete, durch die der Priester seine Gefühle
von Demut und Ehrfurcht angesichts der heiligen Geheimnisse sehr
tief zum Ausdruck bringt: sie enthüllen das Wesen aller Liturgie.“
Das sind in wenigen Worten – und kurz zusammengefaßt – die Gründe
dafür, warum die Priesterbruderschaft St. Petrus der klassischen
römischen Liturgie verbunden ist. Wir haben hier wesentliche Punkte
der Meßliturgie berührt, aber den Mitgliedern der Priesterbruderschaft
St. Petrus stehen alle liturgischen Bücher, die 1962 in Kraft waren,
zur Verfügung[12] (Missale, Brevier, Rituale, Pontifikal und Zeremonial
der Bischöfe). Einen reichen Schatz hat die Kirche der Bruderschaft
anvertraut, den sie nach dem Beispiel des guten Verwalters hüten
will, um ein Leben zu führen, würdig dieses Schatzes, damit sie
ihn einst den zukünftigen Generationen übergeben kann.
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[1] Konstitutionen der Petrusbruderschaft,
Art. 8, und vgl. Apostolischer
Brief Ecclesia Dei
Motu Proprio, Papst Johannes Paul II., 2. Juli 1988
[2] Errichtungsdekret der Priesterbruderschaft
St. Petrus vom 18. Oktober 1988.
[3] Papst Pius V. (1566-1572) veröffentlichte
in Anwendung der Beschlüsse des Konzils von Trient, das die Revision
der liturgischen Bücher forderte, eine editio typica des Breviers
(1568) und des Missales (1570). Der Papst hatte in Treue zu den
Konzilsbeschlüssen nicht die Absicht, neue liturgische Bücher zu
verfassen, sondern das Gebet der Kirche wieder in Einklang zu bringen
mit der frühen Überlieferung der Väter und Einheit zu schaffen in
der Zelebration der Riten.
[4] Pius XII. Enzyklika Mediator Dei, 20.
November 1947, 23
[5] Katechismus der Katholischen Kirche, 1148
[6] Zweites Vatikanisches Konzil,
Sacrosantum Concilium, 7
[7] Zweites Vatikanisches Konzil, Sacrosantum
Concilium, 7
[8] Kardinal Charles Journet, La messe présence
du sacrifice de la Croix, DDB, 1961, S. 317-319 (eigene Übs.)
[9] Papst Paul VI. nennt in der Konstitution
Missale Romanum, die der Institutio Generalis von 1970 zeitlich
vorausgeht, den hl. Gregor den Großen als Quelle!
[10] „Die Sprache der Kirche muß nicht
nur universal, sondern auch unwandelbar sein. Wenn die Glaubenswahrheiten
der katholischen Kirche einer bestimmten oder mehreren menschlichen
und damit der Veränderung unterworfenen und einander ebenbürtigen
Sprachen anvertraut wären, dann würde sich daraus eine solche Mannigfaltigkeit
ergeben, daß der Sinn dieser Wahrheiten weder klar noch genau genug
für alle wäre.“ Slg. Johannes XXIII. Veterum Sapientiae 1962
[11] P. Joseph-A. Jungmann S.J. Missarum
Sollemnia, Aubier 1951 Vol. I S. 81
[12] Dekret für den Gebrauch aller liturgischen Bücher in Kraft in 1962 vom 10. September 1988, und vgl. Errichtungsdekret der Priesterbruderschaft
St. Petrus vom 18. Oktober 1988.
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