Geistliches Priesterjahr

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2. April 2010: Der Priester und die Keuschheit

„Ein keuscher Leib! Eine reine Seele! Oh, es gibt nichts Schöneres!“ (Pfarrer von Ars)

Wer könnte sich vorstellen, dass Johannes-Maria Vianney Pfarrer von Ars, Patron der Priester und Vorbild priesterlicher Heiligkeit geworden wäre, wenn –  er verheiratet gewesen wäre? Zweifelsohne hätte er auch so ein heiliges Leben führen können, aber wäre es anders gewesen:
Wie hätte er täglich bis zu sechzehn Stunden im Beichtstuhl verbringen können?
Wie hätte er so viel Zeit in tiefer Sammlung vor dem Tabernakel verbringen können?
Wie hätte er so strenge Bußübungen praktizieren können?
Wie hätte er sich so großzügig seinen Pfarrkindern widmen können?
Mit einem Satz gefragt: Wie hätte er so viele Seelen retten und ein so strahlendes Abbild des Priestertum Christi sein können? Die Fruchtbarkeit seines priesterlichen Wirkens war an die Größe seiner geistigen und leiblichen Opferbereitschaft geknüpft, getreu dem Vorbild, das der Herr in seinem Leiden gegeben hat.
Der große französische Kirchengegner Michelet bekannte zu Lebzeiten des heiligen Johannes-Maria Vianney: „Eine Kirche mit verheirateten Priestern hätte niemals einen heiligen Bernard, einen heiligen Thomas oder einen heiligen Vinzenz von Paul hervorgebracht. Solche Männer brauchen eine zurückgezogene Einkehr – oder die Welt als Familie.“ Und doch scheint es, dass diese Tatsache heutzutage von vielen Katholiken vergessen wird, wenn eine Abschaffung des Zölibats für die lateinische Kirche gefordert wird.

Die Gründe für die moderne Ablehnung

In der heutigen übererotisierten abendländischen Gesellschaft ist der Zölibat ein schockierendes Geheimnis für unsere Zeitgenossen. Viele sehen hierin eine Quelle für Unausgeglichenheit und sogar Skandal. Die schändlichen Fälle von Pädophilie, auch wenn sie nur von einer Minderheit der Priester begangen wurden, bringen Überzeugungen ins Schwanken und selbst glaubensstarke Christen werden beunruhigt. Die Früchteeiner zwanzig Jahrhunderte währenden Tradition geraten unter dem Eindruck des medialen Dauerfeuers in Vergessenheit. Der entstehende Druck ist geeignet, bei manchem Priester ein ungutes Gefühl des Zweifelns und Infragestellens hervorzurufen.

Es lässt sich weiterhin nicht leugnen, dass in einigen Kreisen innerhalb der Kirche die Reflektion über Bedeutung und Begründung der priesterlichen Enthaltsamkeit vernachlässigt oder gar in Vergessenheit geraten ist. Nach dem letzten Konzil ist das Priesterbild immer mehr verschwommen. Es wurde auf unvorsichtige Weise wiederholt, dass der Priester auch nur ein Mann wie jeder andere sei – eine Aussage, die ingleichem Maße richtig und falsch ist. Zu wenig betrachtet wurde auch die moderne Überhöhung der Ehe und der Familie, die manchmal als eine Abwertung der gottgeweihten Jungfräulichkeit erschien – eine Auffassung, die der klassischen Lehre der Kirche widerspricht.

Nicht zuletzt scheint auch der Priestermangel ein gewichtiges Argument gegen den Zölibat zu sein: Warum diese hohe Anforderung, wo sich doch das Fehlen der Priester so deutlich bemerkbar macht? Könnte man nicht verheirate Männer zur Weihe zulassen, wie es bei den Ostkirchen der Fall ist?

In Wirklichkeit ist die Ablehnung des Priesterzölibats symptomatisch für eine Gesellschaft, die sich in Aufruhr gegenüber Gott befindet und die, wie der Herr der Welt, der Teufel, Priestertum, Jungfräulichkeit und Mutterschaft ablehnen – kurz gesagt, all jene Liebe, die von den beiden Personen bezeugt wurde, die unter dem Kreuz standen: der Gottesmutter, Mutter auch der Priester und dem Apostel Johannes, demVorbild der Priester.

Eine Tradition mit apostolischen Wurzeln

Im Gegensatz zu Aussagen, die man im Augenblick häufig hört, stammen die Bestimmungen über den Zölibat nicht erst aus dem 12. Jahrhundert. Wurden zu Beginn auch keine ausdrücklichen Vorschriften über den Zölibat an sich erlassen – gab es doch nicht wenige verheirate Priester und Bischöfe – lässt sich dennoch eine starke, bis in apostolische Zeit zurückreichende Tradition nachweisen, die von verheirateten Klerikernab dem Tag ihrer Weihe vollkommene Enthaltsamkeit einforderte. Diese Tradition wurde in der westlichen Kirche, aber auch im Osten bis ins 7. Jahrhundert bewahrt.

So schrieb um das Jahr 300 der Kanon 33 der Synode von Elvira vor: „Es wurde beschlossen, den Bischöfen, Priestern und Diakonen sowie allen Klerikern, die den Dienst versehen, folgendes Verbot aufzuerlegen: Sie sollen sich von ihren Ehefrauen enthalten und keine Kinder zeugen: jeder aber, der es tut, soll aus der Ehrenstellung des Klerikers verjagt werden.

Um 390 bekräftigt das Konzil von Karthago: „Es ziemt sich, dass die heiligen Bischöfe und die Priester Gottes, wie auch und die Leviten, das heißt, jene, die zum Dienst an den göttlichen Sakramenten bestellt sind, eine vollkommene Reinheit bewahren, damit sie einfach zu erhalten vermögen, was sie von Gott erbitten. Was durch die heiligen Apostel gelehrt und vom Altertum beachtet wurde, möge auch von uns befolgt werden.

Es trifft zu, dass die Ehe eines Priesters erst im Jahr 1139 für ungültig erklärt wurde. Aber sie galt bereits seit sehr viel längerer Zeit als unerlaubt. Die aktuelle Disziplin der Ostkirchen stützt sich auf eine Tolerierung, die jünger als die westliche Tradition ist.

Diese Treue der lateinischen Kirche, die Zeuge eines höher stehenden Ideals ist, vermag aufrichtige Seelen zu beeindrucken. Kardinal Newman gab zu, dass sie ein Grund für seine Konversion war: „Es war auch der Eifer, mit der die lateinische Kirche die Lehre und Regel über den Zölibat bewahrte, die ich als apostolisch ansah; auch ihre Treue zu anderen Gepflogenheiten der alten Kirche war mir teuer. All dies sprach zu Gunsten der großen römischen Kirche.

Warum Zölibat?

Der Wunsch, alte Gepflogenheiten zu bewahren, ist natürlich nicht der einzige Grund für die Verpflichtung zum Zölibat. Die Hauptgründe werden deutlich im Kirchenrecht angesprochen: „Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren; deshalb sind sie zum Zölibat verpflichtet, der eine besondere Gabe Gottes ist, durch welche die geistlichen Amtsträger leichter mit ungeteiltem Herzen Christus anhangen und sich freier dem Dienst an Gott und den Menschen widmen können.“ (Kanon 277) Es lassen sich drei Hauptmotive für die Angemessenheit des Zölibats festhalten, die auch Papst Paul VI. in seiner Enzyklika „Sacerdotalis Caelibatus“ aus dem Jahr 1967 zusammengefasst hat:

- Ein christologisches Motiv: Christus war nicht verheiratet. Der Zölibat ist also für die vollkommenere Nachfolge Christi, der das Ideal aller Priester ist, angemessen. Wenn Christus nicht verheiratet war, so kann der Zölibat nicht eine Verstümmelung seiner selbst bedeuten. Christus hat des Ehesakrament eingesetzt, es jedoch nicht als für jeden notwendig erklärt. Papst Paul VI. betonte: „Christus verharrte sein ganzes Leben hindurch im Stand der Jungfräulichkeit; diese Tatsache kennzeichnet seine Ganzhingabe an den Dienst für Gott und die Menschen. Diese so enge Verbindung von Jungfräulichkeit und Priestertum, die in Christus besteht, geht auch auf j über, denen es gegeben ist, an der Würde und dem Auftrag des Mittlers und ewigen Priesters teilzuhaben. Diese Teilhabe ist umso vollkommener, je freier der Diener des Heiligtums von den Bindungen an Fleisch und Blut ist.“ (Sacerdotalis Caelibatus, Nr. 21) Das Priesterleben ist also eine Hingabe, ein Geschenk seiner selbst an Christus, eine Entäußerung, die den Willen miteinschließt, nicht mehr sich selbst zu suchen, sondern Christus Raum zu geben.

- Ein ekklesiologisches Motiv: Die einzige Braut Christi, also auch des Priesters, ist die Kirche. Paul VI. bekräftigt: „Die gottgeweihte Jungfräulichkeit der Priester macht in der Tat die jungfräuliche Liebe Christi zu seiner Kirche und zugleich die übernatürliche Fruchtbarkeit dieses Ehebundes sichtbar.“ (Nr. 26) Christus ähnlich und in Christus, verbindet sich der Priester auf mystische Weise mit der Kirche und schenkt ihr seine ausschließliche Liebe. Der Priester steht nicht nur im Dienst einer kleinen Familie, einer „kleinen Hauskirche“, sondern im Dienst der ganzen Gemeinschaft. Dies erfordert eine große Verfügbarkeit und ist mit einem Familienleben nicht vereinbar. Hier lässt sich eine ganze Reihe praktischer Überlegungen anführen: Wie kann man ein gesundes Familienleben führen und gleichzeitig ganz Priester sein? Wie lässt sich das Verhältnis von Vertrauen in der Ehe und Beichtgeheimnis in Einklang bringen? Wie lassen sich Gehorsam und Mission mit der Verantwortung für Kinder verbinden? Wie kann man jeden Abend Gottesdienste, Besuche und Sitzungen abhalten, ohne gleichzeitig die Familie zu kurz kommen zu lassen? Wenn die Kirche nur zölibatäre Männer zu Priestern weiht, so hat dies auch seinen Grund in ihrer hohen Auffassung von Ehe und Familie: Der verheiratete Priester wäre nur ein Teilzeit-Familienvater. Der Zölibat erlaubt dem Priester, von materiellen oder affektiven Bindungen frei zu sein – dies ist die Bürgschaft für eine uneingeschränkte apostolische Verfügbarkeit: „Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt.“ (1. Kor. 7, 32-33)

- Ein eschatologisches Motiv: Der gottgeweihte Zölibat bezeugt eine andere Wirksamkeit als die fleischliche Fruchtbarkeit: „Eunuch für das Himmelreich“ (Mt. 19, 12) sein, heißt Zeugnis abzulegen, dass das irdische Leben nur einen Übergang darstellt: Ja, die einzige Möglichkeit weiterzuleben, besteht nicht nur in der Zeugung von Nachkommen. Ja, es gibt noch ein anderes Leben, das wir noch mehr festhalten müssen: „Das Ziel dieses Lebens ist die Vorbereitung des anderen“, sagte der heilige Pfarrer von Ars. Der Priester bezeugt das Himmelreich, sein Zölibat ist ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit, in der es keine Ehe mehr geben wird. Unter diesem Aspekt verkörpert der Priester ein wenig eine himmlische Realität auf Erden. Seine Enthaltsamkeit ist prophetisch.

Um treu zu bleiben

Es stimmt: Nach rein natürlichen Maßstäben ist die Bewahrung einer zölibatären Lebensweise schwierig. Wenn auch nicht widernatürlich, übersteigt sie doch die menschlichen Kräfte. Um den Zölibat leben zu können, bedarf es der Gnade Gottes, eines übernatürlichen Beistands. Der Zölibat ist somit in gewisser Weise ein weiterer Beweis für die Existenz Gottes – was vielleicht zum Teil erklärt, warum Kirchengegner soverbittert gegen ihn agitieren.

Die Treue zur Enthaltsamkeit ist also untrennbar mit dem geistlichen Leben des Priesters verbunden: In dem Maße, wie ein Priester sich dem Gebet widmet, das die Ursache und die Wirkung der liebenden Beziehung mit Gott ist, läuft er weniger Gefahr verhängnisvollen Kompensationen zu erliegen, die sich unweigerlich einstellen, wenn das geistliche Leben des Priesters am Boden liegt: Selbstverliebtheit, Ehrsucht,Geld oder eben sexuelle Verfehlungen.

Der Priester muss sich in seiner Selbstwahrnehmung seiner Schwäche bewusst sein: Demut ist der sicherste Förderer der Wachsamkeit und einer notwendigen Aszese. Auch die Unterstützung durch Mitbrüder, durch das Gemeinschaftsleben und durch die Gläubigen ist eine unüberschätzbare Hilfe. Ist der Priester glücklich, bewahrt er die Reinheit und die Treue zu seinem Dienst.

Eine große Schwierigkeit ist auch die Dauerhaftigkeit: Der Priester entscheidet sich in jungen Jahren dafür, den Rest seines Lebens enthaltsam zu leben. Das mag entmutigend wirken, zeigt aber auch die Notwendigkeit, dass die christlichen Familien für die Treue ihrer Priester beten, wie auch für die Umkehr der untreuen. Unverzichtbar ist es, dass die Priester ihre Enthaltsamkeit einer Frau anempfehlen, nicht einerEhefrau, sondern einer Mutter, der Gottesmutter, der virgo castissima, virgo perpetua, virgo fidelis.

Schließlich müssen die Verantwortlichen ohne Zögern labile und unreife Kandidaten entfernen und eine sorgfältige Ausbildung der Seminaristen gewährleisten, besonders auch, was die Entwicklung einer Spiritualität der Enthaltsamkeit angeht. Sie müssen lernen, die Reinheit nach dem Beispiel des heiligen Pfarrers von Ars zu lieben, von dem man sagen konnte: „Die Reinheit glänzte in seinen Augen.“ Er liebte die Reinheit und wusste sie zu loben:

Eine reine Seele ähnelt einer Lilie, dessen Duft bis an den Thron Gottes dringt oder einem See, dessen kristallklare Wasser es erlauben, bis auf den Grund zu sehen. Eine unreine Seele ist dagegen wie ein Pfuhl, wie ein ausgetrockneter Weiher, der so übelriechend ist, dass sich niemand ihm nähern möchte.

Eine reine Seele ist wie eine schöne Perle. Solange sie auf dem Grund des Meeres in ihrer Schale verborgen liegt, wird niemand ihrer Schönheit gewahr. Wird sie aber in das Sonnenlicht gehalten, so strahlt sie und zieht alle Blicke auf sich. Ebenso verhält es sich mit der reinen Seele, die vor den Augen der Welt verborgen ist. Eines Tages wird sie in der Sonne der Ewigkeit vor den Engeln strahlen. Wenn eine Seele rein ist, betrachtet der ganze Himmel sie mit Liebe.

Für eine Mystik des Zölibats

Der Zölibat des Priesters soll eine entschlossene Wahl, ein zielsicheres und solide begründetes Opfer sein. Der französische Schriftsteller Guy de Larigaudie schrieb: „Die Enthaltsamkeit wird ein unmögliches Unterfangen, das zur Lächerlichkeit verkommt, wenn ihr als Schutzwehr nur negative Vorschriften dienen. Sie ist aber möglich, schön und bereichernd, wenn sie sich auf eine positive Grundlage stützt: die lebendige, vollkommene Liebe Gottes, die als einzige in der Lage ist, die unbändige Sehnsucht der Menschenhetzen nach Liebe zu erfüllen.“ Deshalb darf der Zölibat nicht als etwas Negatives, als ein Mangel gelebt werden, sondern muss als etwas Positives betrachtet werden: ein Opfer aus Liebe, das eine mystische Vereinigung ermöglicht: „Das Band der vollkommenen Enthaltsamkeit ist eine Art spirituelle Vermählung der Seele, durch die sich die Seele mit Christus vereint.“ (Papst Pius XII.)

Es handelt sich beim Zölibat um eine moralische Verpflichtung, die ohne jeden Zweifel aszetische Anstrengung erfordert. Ohne eine erfahrene Praxis der Enthaltsamkeit, ohne Selbstbeherrschung zu jeder Zeit ist der Zölibat unvorstellbar. Und dies reicht nicht aus: Bußgesinnung und freiwillige Abtötung erweisen sich als unabdingbar für die Beherrschung der Leidenschaften. Der heilige Pfarrer von Ars hat dies gutverstanden, als er sagte: „Ich wurde niemals durch fleischliche Versuchungen geprüft, und wäre dies der Fall gewesen, so hätte ich mich selbst gezüchtigt.

Ohne einen mystischen Beweggrund wäre der Zölibat nicht zu verwirklichen. Die Liebe muss zur Selbsthingabe von Seele und Leib anspornen. Großzügig und vorbehaltlos gibt sich der Priester dem Herrn hin: Durch den Zölibat identifiziert sich der Priester mit Christus und vereint sich mit seiner Kirche. Die Enthaltsamkeit Christi ist weder zufällig noch nebensächlich, sondern ist vielmehr Teil der „Zustände“ Jesu,die so eindrücklich von Berulle und den Vertretern der französischen Spiritualität beschrieben wurden. Der Priester muss den Herzensäußerungen, den Zustanden von Leib und Seele des Herrn „anhängen“. Für den Priester handelt es sich nicht darum „mit Christus zu sein“, wie es der Spiritualität von Ordensfrauen zueigen ist, sondern vielmehr geht es darum, „Christus selbst zu sein“, wie die priesterliche Spiritualität fordert. Wie könnte man nicht in der Hingabe seines Leibes eine eucharistische Dimension erkennen?

Wenn ein junger Mann mit zwanzig Jahren in ein Seminar eintritt, hat er im Allgemeinen keine volle Vorstellung vom Opfer, das ihn erwartet. Stück für Stück wird er es mit der Zeit erkennen, manchmal sogar erst nach seiner Weihe. Es wird in ihm das Bewusstsein wachsen, dass sein eigener Wille nicht ausreicht: Der Zölibat ist zunächst ein Geschenk Gottes, bevor er ein Geschenk an Gott werden kann. Er ist eine Gnade,die Gott seinen treuen Priestern schenkt. Und doch darf der eigene Wille nicht schwach oder gleichgültig werden: Nur wenn die Verpflichtung zur priesterlichen Enthaltsamkeit absolut und vollkommen ist, erhält sie ihren Wert. Der berühmte französische Jagdflieger Georges Guynemer prägte den Ausspruch: „Bis man nicht alles gegeben hat, hat man nichts gegeben.“ Wer seinen Leib Gott überantwortet, vermag seine Seele allen zu geben. Der Priester muss also seine Zusage als mindestens so stark und unauflöslich wie das Eheband begreifen. Von Gott lässt man sich nicht scheiden!

Denen Gott allein genügt

Der Priester ist weit davon entfernt, der Liebe zu entsagen, sondern erfährt sie vielmehr in ihrer erhabensten, übernatürlichsten und glücklichsten Art. Wenn der Priester seine Enthaltsamkeit wie der heilige Pfarrer von Ars der Gottesmutter anvertraut, wird er bald die Freuden einer geheimnisvollen apostolischen Fruchtbarkeit und die Schönheit einer großherzigen Liebe erfahren dürfen, die einer Verkündigung derewigen Seligkeit gleicht.

Es ist wichtig, zu begreifen, dass die entscheidende Herausforderung bei der Frage nach dem kirchlichen Zölibat nicht der Priestermangel ist – weit gefehlt. Die wirkliche Problematik tritt in der Debatte nur unterschwellig zu Tage, obgleich es sich um eine Frage von zentraler Bedeutung für die Zukunft des Christentums handelt: In Wirklichkeit stellt das Problem des priesterlichen Zölibats die Frage nach der Wirksamkeitder Gnade. Der Zölibat ist eine Gnade, wie der heilige Johannes-Maria wiederholte: „Die Reinheit stammt vom Himmel, man muss sie von Gott erbeten. Wenn wir darum bitten, werde wir sie erhalten.“ Den Zölibat aufgeben hieße, auf den Druck des Zeitgeistes hin zu verkünden, dass die Gnade unzureichend ist, dass sie nicht dazu befähigt, ein übernatürliches Leben zu führen. Die Folgen wären katastrophal: Der Geist würde vor dem Diktat der leiblichen Bedürfnisse kapitulieren. Der „alte Mensch“ trüge seinen Sieg über den getauften Menschen davon, und letztendlich würde es sich um einen Sieg des Heidentums über das Christentum handeln.

Gestern wie heute ist der priesterliche Zölibat eine gewichtige Notwendigkeit. Er ist eine Gnade, die empfangen und bewahrt werden will, ein Opfer von großem Wert und eine reiche Quelle für das Heil der Welt. Er bringt Männer dazu, weiterhin ihren Leib als Zeichen für ihre glühende Liebe zu Christus und seiner Kirche hinzugeben. Es ist notwendig, dass sie weiterhin an das Wort des Herren glauben: „Meine Gnade genügt Dir!“ Die Welt muss schockiert sein von diesen Pfarren von Ars, diesen Propheten, diesen Verrückten, denen Gott allen genügt!

P. Alban Cras,
Rat des Generaloberen
und Direktor des Spiritualitätsjahres in Wigratzbad

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