Geistliches Priesterjahr

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19. Mai 2010: Der Priester und der Gehorsam

Am Ende des Ritus der Priesterweihe betet der Weihespender an der Epistelseite des Altars stehend das Responsorium „Jam non dicam…“ („Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde“).

Diese Worte, die der Herr gleichsam an Seinen ersten „Weihejahrgang“ sprach, erschließen uns das Herz und das Wesen des priesterlichen Gehorsams: Es geht um eine personale Beziehung zwischen Christus und dem Priester, nicht um einen knechtischen Gehorsam, sondern um eine göttliche Freundschaft. Die bloße Tatsache, dass so eine Freundschaft überhaupt existieren kann, bedeutet eine ungeheure Herablassung Christi zu Seinen Priestern. Die Anerkennung dieses Umstandes lässt uns überhaupt erst verstehen, wie es möglich ist, dass ein Priester, ein Mann, ausgewählt unter anderen Männern, ein „alter Christus“, ein „anderer Christus“ sein kann. Wenn das Heilige Messopfer und sein würdiger Vollzug exemplarisch für die Verwirklichung dieser Beziehung stehen soll, so gilt dies besonders für den treuen Gehorsam, mit dem der Priester den verschiedenen Teilen der Messe begegnet, sodass „nicht mehr länger er lebt, sondern Christus in ihm.“ Dieser Gedanke ist von hohem theologischen Gehalt, und dennoch wird er bereits durch die demütige Treue zu den Vorschriften der Heiligen Messe Wirklichkeit – durch eine Treue, die den Priester buchstäblich mit dem Herrn eins werden lässt: Je mehr sich der Priester am Altar als bloßes Werkzeug sieht, und je größer seine Treue beim Vollzug der heiligen Handlung ist, desto mehr wird das Handeln Christi sichtbar, desto deutlicher tritt die wahre Natur des Kreuzesopfer hervor.

Der Priester gelangt nicht durch das Streben nach Selbstverwirklichung, das Pochen auf die Vorrechte seines Standes oder das Hoffen auf die Anerkennung und Wertschätzung seiner Klugheit oder Wortgewandtheit zur Fülle seines Priestertums. Vielmehr ist es das Maß, in dem er selbst abnimmt, auf dass Christus in ihm zunehme, das den Priester im Widerspruch zum Verständnis dieser Welt zur wahren Fülle seines Dienstes führt. Obgleich ein Mann „mit Pauken und Trompeten“ wesentlich im Moment seiner Weihe zum Priester wird, ist es doch das in Treue und Innigkeit tagtäglich gelebte Beispiel, das den Priester immer mehr seinem unauslöschlichen Charakter angleicht. Priesterlicher Gehorsam ist das beständige Bemühen, Augenblick um Augenblick, seinem priesterlichen Wesen immer mehr zu entsprechen. Die Vertiefung und das Wachstum des Gehorsams kann dann Wirklichkeit werden, wenn Christus im Zentrum allen Strebens bleibt, der den Priester zu jener vertrauten Freundschaft einlädt, die ihren tiefsten Ausdruck im Geschehen am Altar findet. Die Vertiefung des priesterlichen Gehorsams folgt dem Beispiel Christi, der, wie uns die Heilige Schrift bezeugt, selbst Gehorsam gelernt hat. Wie kann es sein, dass der Sohn Gottes, der dem göttlichen Vater unendlich gehorsam ist, den Gehorsam „gelernt“ hat? Durch Sein Leiden und die Annahme desselben um unseretwillen. Indem sich Christus dieser gänzlich menschlichen Erfahrung des „Lernens“ übergab, hinterließ Er uns Sein Beispiel, damit auch wir in Seiner Nachfolge bestärkt und durch Sein Vorbild bei dieser zweifelsohne schwierigsten Anforderung an den Priester bestärkt würden.

Für uns Mitglieder der Priesterbruderschaft Sankt Petrus ist es unser Patron, der heilige Petrus, der uns sowohl die Herausforderung und das Wesen des priesterlichen Gehorsams im Rahmen unserer eigenen Berufung vor Augen stellt. Wieder und wieder berichten uns die Evangelien vom Ringen des Heiligen, der stets danach strebte, dem Meister so zu dienen, wie es Seiner würdig ist. Und doch musste er erst durch die zutiefst demütigende Erfahrung menschlicher Schwäche lernen, dass nur die Preisgabe seiner persönlichen Stärke und Willensakte ihn durch die Wüste spiritueller Verlassenheit zum Herrn zu führen vermochte, der auf ihn mit den Worten wartete: „Simon Petrus, liebst du mich?“

Für uns gilt es zu verstehen, dass unser Gehorsam aus dem besonderen Charakter unserer Gemeinschaft erwächst: Dies hat nichts mit einer Geringschätzung anderer Formen priesterlichen Gehorsams, wie er zum Beispiel von monastischen Gemeinschaften oder den Jesuiten geübt wird, zu tun, sondern ist dem Umstand geschuldet, dass sie mit ihren jeweilig spezifischen Besonderheiten für uns nicht anwendbar sind. Wir finden das Beispiel priesterlichen Gehorsams auf dem Altar, auf dem unsere Gleichförmigkeit mit Christus sakramental zum Ausdruck gebracht und erfüllt wird. Wenn Christus hier den Priester über die Grenzen der Zeit hinausführt und ihn in den einmaligen Augenblick seines ewigen Opfers hineinnimmt, so vermag der Priester hierdurch die lebendige Fortsetzung des Gehorsams Christi zu werden, der sich dem Vater mit dem Worten hingab: „Nicht mein Wille geschehe, sondern der deine.“ Somit muss der priesterliche Gehorsam für die Mitglieder der Bruderschaft zunächst von der Christusbeziehung, die durch das Band der Heiligen Weihen entsteht, genährt werden, bevor er durch die getreue und lebendige Beobachtung der Tradition der Kirche vertieft wird, wie besonders in der Feier der Heiligen Messe in der überlieferten Liturgie zum Ausdruck kommt. Bei seinem Wirken im Dienste des Ewigen Hohepriesters und Seiner Kirche soll sich alles Handeln des Priesters zur Heiligung der Seelen hieran orientieren.

P. Calvin Goodwin,
Professor in OLGS, Denton

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