Geistliches Jahr des Rosenkranzes
Das Jahr wurde von Papst Johannes
Paul II als das "Jahr des Rosenkranzes" deklariert (Apostolisches
Schreiben "Rosarium
Virginis Mariæ" vom 16.
Oktober 2002), und dauert von Okt. 2002 -
Okt. 2003. Wir werden regelmäßig einen Artikel über den Rosenkranz bringen, der von zahlreichen
Heiligen geliebt und von der Kirche empfohlen wurde.
September
- Oktober 2003: Rosenkranz und Kontemplation
Maria, Vorbild der Kontemplation
10.
Die Betrachtung Christi hat in Maria ihr unübertreffliches Vorbild.
Das Antlitz des Sohnes gehört in besonderer Weise zu ihr. In ihrem
Schoß hat er Gestalt angenommen und von ihr ein menschlich ähnliches
Aussehen empfangen, das eine sicher noch größere geistliche Verbundenheit
mit sich bringt. Niemand hat sich mehr als Maria der Betrachtung
des Antlitzes Christi mit gleicher Beharrlichkeit hingegeben. Die
Augen ihres Herzens richten sich in gewisser Weise schon bei der
Verkündigung auf ihn, als sie ihn durch das Wirken des Heiligen
Geistes empfängt. In den folgenden Monaten beginnt sie, seine Gegenwart
zu spüren und seine Züge zu erahnen. Als sie ihn schließlich in
Bethlehem zur Welt bringt, sind auch die Augen ihres Leibes zärtlich
auf das Angesicht des Sohnes gerichtet, den sie in Windeln wickelte
und ihn in eine Krippe legte« (vgl. Lk 2, 7). Von jetzt an wird
ihr Blick, der immer mehr anbetendem Staunen gleicht, nicht mehr
von ihm weichen. Es wird zuweilen ein fragender Blick sein, wie
beim Ereignis der Wiederauffindung im Tempel: »Kind, wie konntest
du uns das antun?« (Lk 2, 48). In jeden Fall wird es ein durchdringender
Blick sein, der fähig ist, im Innersten Jesu seine verborgenen Gefühle
wahrzunehmen und seine Absichten zu erahnen, wie in Kana (vgl. Joh
2, 5). Andere Male wird es ein schmerzlicher Blick sein, vor allem
unter dem Kreuz, wo es wieder in gewissem Sinn der Blick der ,,Gebärenden“
sein wird, da Maria sich nicht darauf beschränkt, das Leiden und
den Tod des Eingeborenen mitzuvollziehen, sondern im Lieblingsjünger
(vgl. Joh 19, 26-27) den neuen Sohn aufzunehmen. Am Ostermorgen
wird es ein strahlender Blick in der Freude der Auferstehung sein,
und schließlich am Pfingsttag ein durch die Ausgießung des Geistes
(vgl. Apg 1, 14) glühender Blick.
Die Erinnerungen Mariens 11. Maria lebt mit den Augen
auf Christus gerichtet und macht sich jedes seiner Worte zu eigen:
»Sie bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte
darüber nach« (Joh 19, vgl. 2, 51). Die Erinnerungen an Jesus, die
sich ihrer Seele einprägten, haben sie in allen Umständen begleitet,
indem sie die verschiedenen Momente ihres Lebens, die sie an der
Seite Jesu verbrachte, in Gedanken nochmals durchlief. Diese Erinnerungen
bildeten, in gewisser Weise, den ,,Rosenkranz“, den sie selbst unaufhörlich
in den Tagen ihres irdischen Lebens wiederholte. Und auch jetzt,
inmitten der Freudengesänge des himmlischen Jerusalems, bleibt der
Grund ihres Dankes und ihres Lobes unverändert. Dieser Grund regt
ihre mütterliche Sorge für die pilgernde Kirche an, in der sie fortfährt,
die Handlung ihrer Geschichte als Verkündigerin zu entfalten. Maria
legt den Gläubigen nochmals unaufhörlich die ,,Geheimnisse“ ihres
Sohnes vor, mit dem Wunsch, daß sie betrachtet werden, auf daß sie
ihre erlösende Kraft ausströmen können. Beim Beten des Rosenkranzes
kommt die christliche Gemeinde mit dem Andenken und dem Blick Marias
in Einklang.
Der Rosenkranz, ein betrachtendes Gebet 12. Gerade
aus der Erfahrung Marias ist der Rosenkranz ein ausgesprochen kontemplatives
Gebet. Wenn es diese Dimension entbehrt, würde ein entstelltes Gebet
entstehen, wie Paul VI. unterstrichen hat: »Ohne Betrachtung ist
der Rosenkranz ein Leib ohne Seele, und das Gebet läuft Gefahr,
zu einer mechanischen Wiederholung von Formeln zu werden, ganz im
Widerspruch zur Mahnung Jesu: ,,Wenn ihr betet, sollt ihr nicht
plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn
sie viele Worte machen“ (Mt 6, 7). Seiner Natur nach verlangt das
Rosenkranzgebet einen ruhigen Rhythmus und ein besinnliches Verweilen,
was dem Betenden die Betrachtung der Geheimnisse im Leben des Herrn
erleichtert und diese gleichsam mit dem Herzen derjenigen schauen
läßt, die dem Herrn am nächsten stand. So werden sich ihm die unergründlichen
Reichtümer dieser Geheimnisse erschließen«. (Johannes
Paul II in "Rosarium
Virginis Mariæ", 16.
Oktober 2002)
Juli
- August 2003: Papst Leo XIII. und der Rosenkranz
Papst
Leo XIII. kennt man besonders, weil er die Soziallehre der Kirche
weiterentwickelt hat, aber wenige Menschen erinnern sich noch daran,
daß er einst der Papst des Rosenkranzes genannt wurde. In einer
Epoche, in der sich „alle Übel vermehren, um die Kirche unter
ihrem Gewicht zu zermalmen“, suchte Leo XIII. Zuflucht bei jener
Andachtsform, die in der Vergangenheit reiche Früchte getragen hat.
Er faßte den Entschluß, den Rosenkranz des Hl. Dominikus und des
heiligen Papstes Pius V. den Katholiken wieder an Herz zu legen.
Deshalb traf er in seiner Enzyklika vom 1. September die „Anordnung,
in der ganzen katholischen Welt solle das kommende Fest Unserer
Lieben Frau vom Rosenkranz mit einer ganz besonderen Andacht und
der ganzen Feierlichkeit unseres Kultes gefeiert werden: vom 1.
Oktober bis zum 2. November sollen in allen Pfarrkirchen mindestens
fünf Gesetzchen des Rosenkranzes und danach die Lauretanische Litanei
andächtig gebetet werden“. In einem Breve vom 24. Dezember
1883 brachte der Heilige Vater seine Freude zum Ausdruck, daß das
katholische Volk seinen Anordnungen überall so gut Folge geleistet
habe. Er forderte dazu auf, nicht nachzulassen. Am 30. August 1884
erneuerte er für den Monat Oktober die Dekrete des vorangegangenen
Jahres. „Weil die Erbitterung der Feinde des Christentums so groß
ist, darf die Standhaftigkeit und Energie ihrer Verteidiger nicht
weniger entschlossen sein …“ Und am 20. August 1885 ordnete ein
Dekret der Heiligen Kongregation für die Riten an, jedes Jahr so
fortzufahren, „solange für die Kirche und die öffentlichen Angelegenheiten
dieser traurige Zustand anhält.“ Anläßlich der Verkündigung des
außerordentlichen Jubeljahrs von 1886 beschloß der Papst, dieses
Jubeljahr unter die Schutzherrschaft Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz
zu stellen. Das Jubeljahr war noch nicht zu Ende und die Andachten
des Rosenkranzmonates hielten noch an, als der Papst am 26. Oktober
1886 an Kardinal Parocchi, seinen Vikar für die Stadt Rom, schrieb,
die tägliche Rezitation des Rosenkranzes in allen römischen Pfarreien
einführen zu lassen.
Am 15. August 1889 schärfte der Papst, diesmal in einer Enzyklika,
aufs neue ein, gegen die Macht des Satans mit unablässigem Gebet
bei den himmlischen Mächten Zuflucht zu suchen. Und nachdem er die
Titel des Hl. Joseph als Patron der ganzen Kirche auf bewundernswerte
Weise hervorgehoben hat, forderte er dazu auf, ihn im Oktober zusammen
mit Maria anzuflehen. Das ist der Grund, warum in diesem Monat täglich
das Gebet Leos XIII. zum Hl. Joseph nach dem Rosenkranz vor dem
Allerheiligsten Sakrament gebetet wird.
Nachdem nun der Papst seit dem 1. September 1883 die wunderbare
Wirksamkeit des Rosenkranzgebetes durch diese Anordnungen vermehrt
hatte, empfahl er sieben mal nacheinander energisch, ihn zu beten.
Am 22. September 1891 änderte er die Methode und stimmte einen noch
erhabeneren Ton an, indem er in einer Enzyklika den Rosenkranz selbst
betrachtete. Er analysierte diese Andacht zu Maria lehramtlich und
enthüllte das Geheimnis ihres unvergleichlich hohen Wertes. Er zeigte,
wie Maria die Mittlerin in der Heilsordnung ist. Wir müssen also
unsere Gebete vertrauensvoll an sie richten und den Rosenkranz vor
allen anderen Mariengebeten bevorzugen. Er besteht aus wunderbaren
Betrachtungen und Gebeten, und nichts kann der Jungfrau Maria angenehmer
sein, nichts heilsamer für unsere Seelen.
In den folgenden Jahren erschienen beim Herannahen des Monats
Oktober immer wieder große Enzykliken über den Rosenkranz. Diejenige
vom 7. September 1892 führte im ersten Teil die Unterweisung der
vorangegangenen weiter aus, doch dann entwickelte sie den Gedanken
vom Rosenkranz als Arznei gegen die Verderbnis der Welt, da er ein
leichtes Mittel sei, die Geister von den wichtigen Dogmen des christlichen
Glaubens durchdringen zu lassen.
Alle Enzykliken über den Rosenkranz folgten diesem Leitfaden,
außer derjenigen von 1895, die einen anderen Gesichtpunkt des Rosenkranzes
beleuchtet, nämlich daß er ein Mittel sei, die spirituelle Einheit
der Seelen zu verwirklichen.
Leo XIII. schrieb seine letzte Enzyklika über den Rosenkranz
im Jahr 1898. Er verkündete darin, er werde sein Werk mit einem
erhabenen Dokument krönen, einer Konstitution über die Rechte und
Privilegien der Rosenkranzbruderschaften. Dieser apostolischen Konstitution
vom 2. Oktober 1898 folgte am 30. August 1899 ein amtliches Verzeichnis
der Rosenkranzablässe. Sein marianisches Werk war vollendet,
und Papst Leo XIII. gab am 20. Juli 1903 dem Herrn seine Seele zurück.
Mai
- Juni 2003: Enzyklika von Papst Pius XII Ingruentium Malorum
über das Rosenkranzgebet
12. Aber vor allem im Herzen der Familie möge nach Unserem Wunsch
der Brauch des Heiligen Rosenkranzes überall und immer inniger gepflegt
und in Frömmigkeit bewahrt werden. Vergeblich sucht man nach einem
Heilmittel für die Erschütterungen des bürgerlichen Lebens, wenn
die Familie, Prinzip und Fundament der menschlichen Gemeinschaft,
nicht nach dem Vorbild des Evangeliums gestaltet wird.
13. Damit diese schwierige Pflicht erfüllt werde, versichern
Wir, daß der Brauch des Rosenkranzgebets in der Familie ein höchst
wirksames Hilfsmittel ist. Welch schönen und dem Herrn so gefälligen
Anblick bietet ein christliches Heim, das abends vom wiederholten
Lobpreis zu Ehren der erhabenen Königin des Himmels erfüllt
ist! Wenn der Rosenkranz Eltern und Kinder nach vollbrachtem Tagewerk
in wunderbarer Eintracht der Herzen vor dem Bild der Muttergottes
vereint. Er vereint sie in Andacht mit den Abwesenden und den Toten.
Er verbindet alle enger in Liebe zur Allerseligsten Jungfrau Maria,
die wie eine liebevolle Mutter im Kreise ihrer Kinder die Gnaden
der Eintracht und des Familienfriedens in Überfülle verschenkt.
14. Dann wird das Heim der christlichen Familie wie in Nazareth
zum irdischen Wohnsitz der Heiligkeit und zu einem Tempel, in dem
der Heilige Rosenkranz nicht nur ein besonderes Gebet ist, das täglich
wie Weihrauch zum Himmel steigt, sondern auch die beste Schule christlicher
Zucht und Tugend. Dieses betrachtende Gebet der göttlichen Erlösungsgeheimnisse
wird die Erwachsenen lehren, nach dem wunderbaren Vorbild Jesu und
Marias zu leben und daraus Trost in Widrigkeiten zu empfangen, um
dem himmlischen Schatz näherzukommen, „den kein Dieb findet und
den nicht die Motten fressen.“ (Lk 12, 33). Diese Betrachtung bringt
den Kleinen die Hauptwahrheiten des christlichen Glaubens nahe,
indem sie in ihren unschuldigen Herzen wie von selbst die Liebe
zum Erlöser aufblühen läßt, und wenn sie sehen, wie ihre Eltern
vor der göttlichen Majestät knien, dann begreifen sie schon im zartesten
Alter, welch hohen Wert es hat, wenn vor dem Throne Gottes gemeinsam
gebetet wird.
15. Wir zögern nicht, wieder öffentlich zu versichern, daß Wir
großes Vertrauen auf den Heiligen Rosenkranz setzen: er ist eine
Arznei gegen die Übel unserer Zeit. Nicht mit Gewalt, nicht mit
Waffen, nicht mit Menschkraft, sondern mit göttlicher Hilfe, welche
dieses Gebet erfleht, das stark ist wie Davids Schleuder, wird die
Kirche unerschrocken dem höllischen Feind die Stirn bieten können,
indem sie die Worte des jungen Hirten wiederholt: “Du kommst zu
mir mit Schwert, Speer und Wurfspeer, ich aber komme zu dir im Namen
der Herrn der Heere, des Gottes der Heere Israels... Alle, die hier
versammelt sind, sollen erkennen, daß der Herr den Sieg nicht durch
Schwert und Speer verleiht; denn diesen Krieg führt der Herr, und
er wird euch in unsere Gewalt geben.“ (1 Sam 17, 45-47).
März
- April 2003: Die Schlacht von Lépanto und die Geschichte
der Rosenkranzandacht
Das
16. Jahrhundert ist von der Expansion des osmanischen Reiches geprägt.
Die Türken erobern zuerst das ganze Mittelmeer, Nordafrika, den
Nahen Osten, das Baltikum, und bedrohen Westeuropa. 1521 nehmen
sie Belgrad, und im darauffolgenden Jahr Rhodos, dann dringen sie
in Ungarn ein und belagern 1529 Wien. Nachdem sie dort mit knapper
Not abgewehrt werden und vor Malta scheitern, ziehen sie sich auf
die venezianische Kolonie Zypern zurück.
Trotz der türkischen Bedrohung fällt es Europa schwer, vereint
vorzugehen. Frankreich unterhält sogar freundliche Beziehungen zu
Konstantinopel. Vor diesem ungünstigen Hintergrund bemüht sich der
Hl. Papst Pius V. mit Geduld und Ausdauer, die europäischen Reiche
in einer Koalition gegen die Türken zu vereinigen. Schließlich gelingt
es ihm, eine Allianz mit Spanien, Venedig und Malta ins Leben zu
rufen. Im Mai 1571 verkündet Pius V. in der Peterskirche feierlich
die Verfassung der Heiligen Liga. Eine beeindruckende Flotte ist
aufgestellt, unter der Führung des Don Juan d’Austria, Bruder von
König Philipp II. von Spanien. Um für die Flotte den Schutz des
Himmels zu erflehen, ordnet Pius V. ein feierliches Jubiläum, Fasten,
und öffentliches Rosenkranzgebet an.
Die entscheidende Schlacht findet am 7. Oktober 1571 in der Bucht
von Lepanto statt, am Ausgang der Meerenge von Korinth. 213 spanische
und venezianische Galeeren auf der einen Seite und an die 300 türkische
Schiffe auf der anderen stehen sich gegenüber. Ungefähr hunderttausend
Männer hier, genauso viele dort. Dank der schweren Schiffsartillerie
erringt die christliche Flotte einen vollständigen Sieg. Fast alle
feindlichen Galeeren werden erbeutet oder versenkt. Ali Pascha,
der türkische Oberbefehlshaber, wird gefangengenommen und enthauptet.
Fünfzehntausend christliche Gefangene werden befreit. Ein Drittel
der türkischen Flotte wird in die Flucht geschlagen und damit die
Legende von der Unbesiegbarkeit ihrer Flotte ausradiert.
Am
Abend der Schlacht, erhebt sich Papst Pius V. unvermittelt von seinem
Schreibtisch, geht zum Fenster, und scheint sich dort in den Anblick
eines Schauspiels zu versenken. Dann dreht er sich um und sagt zu
den Prälaten in der Runde: „Danken wir dem Herrn: unsere Armee hat
gesiegt.“ Es war der 7. Oktober, kurz vor 5 Uhr abends, zur selben
Stunde, als der siegreiche Don Juan an der Spitze seines Schlachtschiffs
niederkniete, um Gott für seinen Schutz zu danken. Die Nachricht
vom Sieg sollte erst 19 Tage später, am 26 Oktober in Rom ankommen
und die Vision des Heiligen Papstes bestätigen.
Zum Gedächtnis an die Schlacht von Lepanto ergänzte Pius V. die
Lauretanische Litanei mit dem Zusatz: „Du Hilfe der Christen, bitte
für uns!“ und verordnete ein Dankfest als „Gedächtnis Unserer Lieben
Frau vom Siege“ an; sein Nachfolger Gregor XIII. bestimmte, daß
das Fest in Zukunft als Rosenkranzfest am ersten Sonntag im Oktober
in allen Kirchen gefeiert werde.
In den Herzen der katholischen Gläubigen wurde der Sieg von Lepanto
zu einer der reichsten Quellen der Rosenkranzandacht und vieler
Bruderschaften. Der grandiose Seesieg bezeichnet einen wichtigen
Tag in der Geschichte der Marienverehrung.
Januar
- Februar 2003 : Das Ave Maria
Wenn
jemand uns fragen würde: "Welches Gebet kommt von Gott?"
würden wir in der Regel erwidern: das Vaterunser. Aber das Ave Maria
hat in der Tat den gleichen Ursprung, obwohl das Vaterunser unmittelbar
von Gott, von den Lippen unseres Herrn Jesus Christus, während das
Ave Maria mittelbar von Gott empfangen wurde: vom Erzengel Gabriel
nämlich, der die Ankündigung von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit
brachte und von der Hl. Elisabeth, die die Selige Jungfrau auf Eingebung
des Heiligen Geistes begrüßte.
Die Worte des Erzengels Gabriel beginnen: "Gegrüßet seist
du voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter
den Frauen". Die Worte der Hl. Elisabeth beginnen: "Gebenedeit
bist du unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes."
Sie fährt dann fort: "Und woher geschieht mir dies, daß die
Mutter meines Herrn zu mir kommt?" Wenn wir diese Grüße mit
unserem Gebet "Ave Maria" vergleichen, sehen wir, daß
die Namen Jesus und Maria in unserem Gebet hinzukommen, daß die
Segnung "gebenedeit bist du unter den Frauen" auf Gottes
Eingebung in beiden Grüßen vorkommt, und daß die Worte "Mutter
des Herrn" in unserem Gebet zu der Ansprache "Mutter Gottes"
wird. In der Hl. Schrift bezeichnet natürlich das Wort "Herr"
Gott selbst.
Das Gebet Ave Maria stammt also von zwei von Gott empfangenen
Grüßen, die die Menschwerdung ankündigen. Daher verherrlicht dieses
Gebet im unbegrenzten Maße die Heilige Jungfrau, unseren Herrn Jesus
Christus, und die Allerheiligste Dreifaltigkeit.
Betrachten wir jetzt kurz vier Teile des Gebetes: die beiden
Ansprachen ("Gegrüßet seist du Maria" und "Mutter
Gottes"), die Gnadenfülle Mariens, und die Bitte am Ende des
Gebetes.
Zur Ansprache "Gegrüßet seist du Maria" zitiert der
Hl. Ludwig Maria von Montfort in seinem Werk "Der Heilige Rosenkranz"
ein Gesicht der Hl. Mechtildis, in dem die Selige Jungfrau ihr diese
Worte mitzuteilen schien: – "Durch das Wort Ave" das der
umgekehrte Name "Eva" ist, erfuhr ich, daß Gott durch
Seine Allmacht mich von der Sünde und von allem Elend bewahrt hatte,
dem das erste Weib unterworfen wurde. Der Name "Maria",
der "Frau des Lichtes" bedeutet, versinnbildlicht, daß
Gott mich wie einen leuchtenden Stern mit Weisheit und Licht erfüllt
hat, um Himmel und Erde zu erleuchten.
Zur Ansprache "Mutter Gottes", die schon in den Worten
der Hl. Elisabeth enthalten ist, läßt sich sagen, daß dieser Titel
im Konzil von Ephesus (431) dogmatisch verkündet wurde. Dieses Konzil
verurteilte die Häresie des Nestorius, des Patriarchen von Konstantinopel.
Die Nestorianische Häresie besagt, daß die beiden Naturen Christi,
die göttliche und die menschliche Natur, zu zwei Personen gehörten,
einer göttlichen und einer menschlichen Person, die in Christus
geeint seien. Die Heilige Jungfrau sei Mutter lediglich der menschlichen
Person. Die Wahrheit hingegen ist, daß die beiden Naturen Christi,
die göttliche und die menschliche Natur, zu einer Person gehören,
die nämlich die göttliche Person, die zweite Person der Allerheiligsten
Dreifaltigkeit, der Sohn, ist. Da die Heilige Jungfrau die Mutter
dieser göttliche Person ist, ist sie wahrhaftig Mutter Gottes.
Jetzt zur Gnadenfülle Mariens. Die Gnadenfülle Mariens ist nun
auf ihre Gottesmutterschaft zurückzuführen: sie ist voll der Gnade,
weil der Herr mit ihr ist; sie ist gebenedeit unter den Frauen,
weil die Frucht ihres Leibes gebenedeit ist. Der Heilige Thomas
erklärt, daß sie die Fülle der Gnade besitzt, weil sie dem Prinzip
der Gnade, nämlich Christus, am nächsten steht. Diese Gnadenfülle
übertrifft daher das Gnadenmaß der höchsten Engel und Heiligen,
und darf also (wie im Gesicht der Hl. Mechtildis) tatsächlich einem
leuchtenden Stern verglichen werden, der Himmel und Erde erleuchtet.
Schließen wir also jetzt mit der Schlußbitte des Gebetes Ave
Maria, indem wir in den Worten des Hl. Ludwig Maria von Montfort
beten: "Bitte für uns jetzt, in der Zeit dieses vergänglichen
und elenden Lebens; jetzt, denn wir besitzen mit Sicherheit nur
diesen gegenwärtigen Augenblick; jetzt, da wir Tag und Nacht von
mächtigen und grausamen Feinden angegriffen und umgeben sind. Und
in der Stunde unseres Todes, in dieser so schrecklichen und gefährlichen
Stunde, wo unsere Kräfte erschöpft, Geist und Körper durch Angst
und Schmerz niedergedrückt sein werden; in der Todesstunde, wo Satan
seine Kräfte verdoppelt, um uns für ewig zu verderben, in jener
Stunde, welche entscheidend sein wird: Himmel oder Hölle in alle
Ewigkeit. Komme deinen armen Kindern zu Hilfe… begleite uns zum
Richterstuhl unseres Richters, deines Sohnes, lege Fürsprache für
uns ein, daß Er uns verzeihe und uns unter die Zahl deiner Auserwählten,
in den Wohnsitz der ewigen Glorie aufnehme. Amen."
November
- Dezember 2002: Die Geschichte des Rosenkranzes
I. Die Ursprünge des Rosenkranzes: vom Psalmengebet zum Ave
Maria
Wenn
man verstehen will, wie sich die Rosenkranzandacht herausgebildet
hat, muß man sich vor allem eine andere, viel ältere Frömmigkeitsform
vor Augen halten: die Rezitation der Psalmen. Seit den ersten Anfängen
des Christentums war das Psalmengebet das wichtigste Gebet, sowohl
für die Gemeinschaft als auch für den Einzelnen. Der Psalter besteht
aus 150 Psalmen, und wurde – wahrscheinlich von Origenes (+ 254
A.D.) – in drei gleichgroße Teile von jeweils 50 Psalmen aufgeteilt.
Diese Einteilung war eine Huldigung an die Göttliche Dreifaltigkeit,
schrieb der hl. Hilarius von Poitiers (+ 367 A.D.) hundert Jahre
später. Für das Psalmengebet wird dieses Zahlenverhältnis zwar nicht
aufrechterhalten, wird jedoch hier und dort weiterhin beachtet.
Zum Beispiel werden in den Mönchsorden beim Tode eines Mitglieds
die heiligen Messen der Priester vom Psalmengebet der einfachen
Brüder begleitet, die für ihren verstorbenen Mitbruder 50 Psalmen
aufopfern. 150 Psalmen, drei Reihen von je 50: dies ist der frühe Ursprung
des Rosenkranzes – 150 Ave Marias, wobei die Geheimnisse jeweils
5 “Gesetzchen” umfassen.
Der Übergang von der Rezitation der Psalmen zum wiederholenden
Beten eines einzigen Gebets erfolgte einige Zeit später, als Laienbrüder,
denen es an Unterweisung fehlte, einfacherer Gebetsformen bedurften.
Manche empfahlen, sie sollten einen einzelnen Vers 2606mal
rezitieren (das ist Summe aller Verse aller 150 Psalmen), denselben
Psalm 150mal beten, oder jeden Psalm mit einem Vaterunser ersetzen.
Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert verschmolz die Marienfrömmigkeit
mit dem Ave Maria, das man jetzt unbedingt auswendig kennen mußte.
Damals bestand es aus den Grüßen des hl. Erzengels Gabriel und der
hl. Elisabeth, während der Name Jesu durch Papst Urban IV. gegen
1263 hinzugefügt wurde.
Dank dem Einfluß der Zisterzienser, die es dem Volk nahebrachten,
wurde das Ave Maria eine häufige Anrufung, die zusammen mit dem
Vaterunser oder sogar statt dessen gebetet wurde. Ähnlich wie der
Psalter wurde das Ave Maria anfänglich 50mal hintereinander gebetet,
und – um der Gefahr bloß mechanischer Rezitation vorzubeugen – wie
die Psalmen mit Marienantiphonen geschmückt.
So wurde aus dem Rosenkranz das „Psalmengebet Unserer Lieben
Frau“, und in Frankreich nennt man ihn auch „chapelet“ (vom französischen
Wort chapeau für Hut), womit man auf die Blumenkränze anspielte,
mit denen Bilder der Muttergottes bedacht wurden.
II. Die Heilsgeheimnisse
Das
Gerüst des Rosenkranzes war errichtet, und von diesem Gerüst erfuhr
jene Betrachtung Halt und Anregung, die sich auf die Heilstaten
Christi richtete.
Das Leben Jesu war natürlich schon lange vor Einführung des Rosenkranzes
Gegenstand der Betrachtung gewesen: bereits im dritten Jahrhundert
verknüpften Tertullian und der hl. Cyprian die Horen des göttlichen
Offiziums mit dem Andenken der verschiedenen Stadien der Passion
Christi. Im Mittelalter entwickelte sich dieser Brauch und fand
seinen Höhepunkt in den Predigten des hl. Bernhard von Clairvaux
(+ 1153 A.D.) über das Hohelied der Liebe, und diese Ansprachen
bildeten die Grundlage für Betrachtungen des Lebens Jesu, der Verkündigung,
und der Begegnung des auferstandenen Heilands mit der hl. Magdalena.
Aber es war der hl. Aldred von Rielvaux (+ 1167 A.D.), der in seinem
Werk „Leben eines Einsiedlers“ als Erster eine systematische Betrachtung
anstellte, und damit der Methode des hl. Kartäusers Rudolph von
Sachsen und des hl. Ignatius von Loyola vorgriff. In diesem Zusammenhang
bildete das Ave Maria, das damals mit einem Lobpreis der Leibesfrucht
Mariens endete – die Betrachtung des Lebens des Gottessohnes, der
in der Jungfrau Fleisch annahm und von ihr geboren wurde.
Soviel wir wissen, war es gegen 1300, als eine Reihe von Ave
Marias zusammen mit einer Betrachtung der Frucht der Fleischwerdung
systematisch gebetet wurde: im Zisterzienserkloster St. Thomas zu
Kyll in der Gegend von Trier. Das Mariengebet wurde 100mal rezitiert,
jedesmal gefolgt von einem Satz, der dazu anregen sollte, eines
der Heilsgeheimnisse Christi zu betrachten: „Gegrüßest seist du
Maria... und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, …weil
Er uns nach Seinem Ebenbild erschaffen hat... weil Er dich von Ewigkeit
her dazu ausersehen hat, Seine Mutter zu sein....“
Ein Jahrhundert später versichert Dominikus von Preußen (+ 1460
A.D.) vom Kartäuserkloster St. Alban in Trier in seiner Biographie,
er sei der Erste gewesen, der die Betrachtungspunkte während des
Rosenkranzes mitbetete. Er ist zumindest derjenige gewesen, der
die Idee hatte, die Rezitation des Rosenkranzes systematisch mit
der Betrachtung des Lebens Jesu zu verknüpfen, indem er das Gebet
in fünfzig Teile gliederte und einen kurzen Text herausgab, der
jedem Ave Maria folgen sollte. Er dehnte diese Methode auf den ganzen
Marienpsalter aus und stellte drei Reihen von 50 Sätzen zusammen,
welche die Kindheit, das öffentliche Leben und das Leiden unseres
Herrn zum Inhalt hatten. Damit war der zweifältige Grundsatz des
Rosenkranzes aufgestellt: er ist ein Mariengebet mit Christus im
Mittelpunkt.
III. Spätere Entwicklungen
Im
14. Jahrhundert und während der darauffolgenden Jahrhunderte erfuhr
der Rosenkranz verschiedene Änderungen und Zusätze, wobei mehr die
Gestalt als der Grundsatz dieses Gebetes berührt wurde.
Die Aufteilung des Rosenkranzes in 10 „Gesetzchen“, zwischen
denen jeweils das Vaterunser gebetet wurde, war der Beitrag von
Heinrich Egher von Kalkar (+ 1408 A.D.) eines Kartäusers aus Köln,
Ende des 15. Jh. traten die ersten Rosenkranzbruderschaften auf,
deren erste 1475 in Köln gegründet wurde. Für die Dominikaner wurden
sie das Werkzeug, mit dem sie den Rosenkranz in der ganzen Christenheit
verbreiten sollten. Gleichzeitig wurden die vielen Betrachtungen
– oder „Geheimnisse“ des Lebens Christi – auf fünfzehn festgesetzt:
die freudenreichen, die schmerzhaften und die glorreichen Geheimnisse.
Unter dem Einfluß der Volksfrömmigkeit wurde das Ave Maria zu
einem Bittgebet erweitert und umgestaltet. In der Zeit des hl. Petrus
Canisius (1521-1597) breitete sich die Anrufung „Heilige Maria,
Mutter Gottes, bitte für uns Sünder“ immer mehr aus. Wir finden
noch andere Zusätze: „jetzt und in der Stunde unseres Todes“ (5.
Jh.). Das Ave Maria erhielt seine endgültige Gestalt, als es der
hl. Pius V. in das Brevier von 1568 aufnahm.
Seinen Missionsmethoden gemäß betete der hl. Maria Grignon von
Monfort (1673-1716) das Credo, das Vaterunser und drei Ave Marias,
bevor er mit dem eigentlichen Rosenkranz begann.
Am 13. Juli 1917 erschien die Muttergottes in Fatima und äußerte
die Bitte, nach jedem „Gesetzchen“ zu beten: „O mein Jesus, verzeih
uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, und führe
alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit
am meisten bedürfen.“
Schließlich rief der jetzige Heilige Vater ein Marienjahr aus,
das vom Oktober 2002 bis zum Oktober 2003 dauert, und schlug sodann
fünf neue „Gesetzchen“ vor, in deren Mitte ganz das öffentliche
Jesu steht – es sind die Leuchtenden Geheimnisse: die Taufe unseres
Herrn, das Wunder auf der Hochzeit zu Kana, die Verkündigung des
Reiches Gottes, die Verklärung, und die Einsetzung der Heiligen
Eucharistie.
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